Logbucheintrag #5: „Wir sind hier um zu helfen“

Logbucheintrag #5: „Wir sind hier um zu helfen“

We are here to help

Nous somme là pour vous aider

Wir sind da um Ihnen zu helfen

Nahn huna li’iinqadh lakum

 

Wir hatten tagelang keinen Kontakt zur Außenwelt weil die Aquarius, das erste Rettungsschiff von SOS MEDITERRANE, gerade außerhalb der Reichweite des Satelliten fährt, an der portugiesischen Küste entlang Richtung Süden.

Das Meer ist wieder sehr aufgepeitscht, der Wind kommt aus Richtung der USA, das Schiff rollt, man ist in einer Art Limbo gefangen. Selbst im Bett findet man schwer Ruhe, der eigene Körper wird ohne Unterlass hin und hergeschubst. In der Messe kann man keine Suppe mehr essen, sie schwappt einem einfach aus dem Teller.

Onboard_ChristianvBorries_20160218
– Blick übers Schnellboot –

Matthias hat, mit unseren Handreichungen, den großen Raum für die Geretteten fertig, es sieht jetzt dort schon richtig freundlich aus! Im Nebenraum stehen bereits Kartons voller Plüschtiere für gerettete Kinder. Viele Menschen denke an so unterschiedliche Dinge – aus Bremen wurde zum Beispiel in der Zwischenzeit eine große Bestellung für die verschiedensten Rettungsmittel aufgegeben, unter anderem für ein weiteres schnelles Rettungsschlauchboot mit zwei Außenbordmotoren. Dieses Boot wird dann von Francis gesteuert werden, er ist der AB (able boatman) der Crew. Wir haben uns immer wieder unterhalten, er will später selbst Filmemacher werden und überlegt wo er das lernen kann. Seine Frau und zwei Söhne sind in Ghana, und er hat erzählt dass am Flughafen, wenn er alle paar Monate zurückkehrt, erstmal immer eine befremdliche Situation entsteht bis sie sich richtig wiedererkennen. Und er ist sich sicher, dass es eine große Erleichterung für die Menschen vor Lampedusa in Seenot ist, wenn sie ein freundliches Gesicht zu sehen, das etwas mit ihren Erfahrungen anfangen kann. Ich stelle mir den Moment vor wenn diese Leute das große Schiff von sosmediteranee sehen – es ist ja ihr erster Kontakt mit Europa, diesem zerrissenen Kontinent, der mit so viel Hoffnung verbunden wird. Und ich stelle mir vor was das bedeutet für die Bilder, die bei diesem Aufeinandertreffen entstehen oder nicht entstehen. Ich bin vor ein paar Tagen von einem russischen Fernsehsender kontaktiert worden, mit folgender to-do-list:

 

We need you to film what is happening around you.

What we need: long shots: 20 shots, 20-40sec each. close-ups: same

interview with people in need: 4-5 shots, 1 minute each (where they are from, where do they go, what happened on their way)

your commentary close-up – 2-3shots, 1 min each – that should be someone filming you give your comments on what you’ve experienced and planning to do.

Ich finde diese Mail zeigt bereits das Ausmass der Problematik, vor die die Rettungsaktion gestellt sein wird, denn es sind die Anforderungen an einen Actionfilm. Angesichts der Bilder, die es von vorhergegangenen Rettungen gibt, müsste man, dieser Logik folgend, versuchen, noch näher dran zu sein, noch krassere Bilder zu publizieren als die Anderen. Das beste Team käme dann aus Hollywood: Steadycam, Verzweifelte, Drohnenkamera, Kinder, Unterwasserkamera, der Kampf um Leben und Tod, GoPro, weisse Retter, Zoom, ein happy end, schnelle Schnitte, Musik!

Wir haben hier an Bord in diesem Zusammenhang über den französischen Film Loin du Viêt−Nam („Fern von Vietnam”, auf youtube und wärmstens zu empfehlen!) diskutiert, der von der Unsicherheit des Bilder-Findens handelt. Burkhardt Wolf schreibt dazu in ‘Vietnam jenseits der Bilder’, “nicht die Durchschlagskraft und Wirkung von Kriegsbildern selbst, sondern die Auseinandersetzung um den Status, die Rahmung und Relationierung der Bilder sollte zentral werden.” Das Politische sucht dieser Film also letztlich nicht mehr “auf dem Bildfeld als einem virtuellen Schlachtfeld”, sondern in der Kontrolle über die vermeintliche Eindeutigkeit des Bildes selbst.

Wenn für den beteiligten Filmemacher Jean-Luc Godard “die ‚dargestellte Welt‘ jedes Interesse verloren, die ‚Darstellung‘ selbst aber alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen” hat, dann müsste man, um mit Gilles Deleuze zu sprechen, „nicht die Welt filmen, sondern den Glauben an die Welt, unser einziges Band“.

Wie das konkret aussehen könnte, darüber diskutieren wir an Bord seit Tagen. Patrick, der vor Jahrzehnten schon vietnamesische Boatpeople fotografiert hat argumentiert, dass man erstmal alles aufnehmen sollte was passiert, dann aber intern eine Auswahl zur Veröffentlichung festlegen könnte. Wir sind uns im Klaren darüber, dass erkennbare Gesichter von Geretteten nicht nur eine zweite Art der Ausbeutung, nämlich des eigenen Bildes in Not, bedeutet, sondern darüber hinaus diese Menschen oder deren Angehörige zu Hause in konkrete Gefahr bringen kann. In Syrien beispielsweise wurde Flucht als Landesverrat unter Strafe gestellt. Außerdem stellt sich die Frage, was das Ausstellen des Leids ‘der Anderen’ für die überwiegend weißhäutigen Retter selbst bedeutet, nämlich die Wiederholung des uralten kolonialen Bildes “Out of Africa”.


Messhall_ChristianvBorries_20160218

– Der Aufenthaltsraum an Bord, der sogenannte Messhall –

Ich habe als Vorbereitung zu diesem Blog einen Leitfaden “Ethik in Spendenmails” des Dachverbandes deutscher NGOs zugeschickt bekommen und hatte gehofft damit ein Werkzeug in der Hand zu haben. Dort werden zwar alle problematischen Aspekte wie “Die Abbildung von Kindern”, “Der direkte Blick der fotografierten Person zum Betrachter”, Beispielgeschichten (human interest stories), und Die Abbildung von Not thematisiert. Die Schlüsse sind aber alles andere als überzeugend. Die Frage etwa, ob die individualisierte human interest story überhaupt Schlüsse auf das große Problem zulässt, in unserem Falle das Versagen und die gewollte Unmenschlichkeit einer gesamteuropäischen Politik und deren Gründe, bleibt unberührt.

Andererseits muss auch sosmediteranee durch seine Bilder in der Lage sein nicht nur zu dokumentieren wohin die Spendengelder geflossen sind, sondern vor allem neue zu akquirieren.

Wird es etwa möglich sein die gefilmten oder fotografierten Geretteten in dieser Extremsituation um Erlaubnis für die Verbreitung ihres eigenen Bildes zu fragen? Sicher nicht.

Zugespitzt: wenn TV Teams an Bord zugelassen sein sollten, wer garantiert dass deren Bilder letztlich nicht sogar der Rettung selbst schaden? Wir alle kennen den lakonischen Ton den das Fernsehen gern anschlägt, und seine Sucht nach dem Skandal.

Wir müssen die Diskussion in Marseille fortsetzen, denn die Verantwortung ist groß, und für die Meisten in Europa wird es nichts als die Bilder geben.

Vor genau zwanzig Jahren schrieb John Perry Barlow in seiner ‘Declaration of the Independence of Cyberspace’ einen Gedanken auf, der auf die reale Welt anzuwenden wäre und ein Motto für die an dieser Rettungsaktion Beteiligten und nicht zuletzt deren Bildpolitik sein könnte:

“We are creating a world that all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or station of birth.”

Denn warum sollten Menschen aus ärmeren Ländern außer­halb der EU nicht das Recht haben, ihr Glück in Europa zu suchen? Eigentlich müsste Reisefreiheit für alle gelten. Dies nimmt der Künstler Mansour Ciss mit seinem ‘Global Pass’ vorweg: „Im Namen der künstlerischen Schöpfung bittet Mansour Ciss Kanakassy die betreffenden Behörden, dem Inhaber dieses Dokuments freies Geleit und so weit nötig Hilfe und Schutz zu gewähren“, steht auf dem Pass. In der österreichischen Kunstzeitschrift springerin ist zu lesen dass der Künstler nur noch nicht dazu gekommen sei, ein Bestellformular einzurichten.

Währenddessen wurden Aljazeera zufolge erste graue Flüchtlings-Schlauchboote in der Ostsee gesichtet, auf dem Weg von Dänemark nach Schweden, meist zu dort bereits gelandeten Angehörigen. Auch da ist Rettung in Sicht – junge dänische SeglerInnen bringen jetzt die Flüchtenden eigenhändig auf ihren Booten über das eiskalte Meer von Kopenhagen nach Malmö, der großen Brücke entlang, die für Flüchtende gesperrt wurde.

 

Christian von Borries, 16.2.2016

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For several days we had no contact to the outside world because the Aquarius sailed just outside the satellite’s reach, down south along the Portuguese coast.

 

Again, the sea is very rough, the winds are blowing from the direction of the United States, the ship rolls, we’re trapped in a kind of limbo. Even in bed its hard to get rest, your body is rolled back and forth non-stop. In the dining hall we can no longer at soup, it spills over the rim of the plate.

With our help, Matthias has prepared the large room for those to be rescued – it looks very welcoming now! In the room next door are boxes of stuffed animals already awaiting the children. Many people have thought of different things – for example, In Bremen, a large order for a variety of life-saving equipment has been placed, which, amongst many other things, also includes s speed rescue boat with two outboard engines. This boat will be steered by Francis, he is the AB (able boatman) of the crew. We have spoken many times. He wants to become a filmmaker, like me, and is considering where this would be possible. His wife and two sons are in Ghana, and he told me that upon his return every few months, the first few moments at the airport are always a little hesitant, until the family becomes familiar with each other once again. It is certain that it is a great relief for the people in distress when they first encounter someone that can put himself into their shoes. In my head, I imagine the moment when people first see the great ship of sosmediteranee – it’s their first contact with Europe, this torn continent, which, at the same time, is associated with so much hope. And I imagine what that means for the images and opinions that will be formed, or not, during this first encounter. A few days ago, I was contacted by a Russian television station with the following to-do list:

We need you to film what is happening around you.

What we need: long shots: 20 shots, 20-40sec each. close-ups: same

interview with people in need: 4-5 shots, 1 minute each (where they are from, where do they go, what happened on their way)

your commentary close-up – 2-3shots, 1 min each – that should be someone filming you give your comments on what you’ve experienced and planning to do.

I think this email shows the extent of the problem the rescue operation is facing, because they appear to be the requirements for an action movie. Given the pictures that exist of previous rescues, one would, following this logic, have to try to be even closer, to produce even more blatant pictures, than everyone else. The best team would thuse be one from Hollywood: Steadycam, pure desperation, drone camera, children, underwater camera, the struggle for life and death, GoPro, white saviours, Zoom, a happy ending, quick cuts, music!

In this context, we watched the French film ‘Loin du Viêt-Nam’ ( ‘Far from Vietnam’, on youtube and highly recommended!). This film addresses the concerns of the uncertainty of image-finding. In ‚Vietnam beyond the images‘ Burkhardt Wolf writes, that: “it is central not to rely on the impact and effect of war images themselves, but the dispute over the status, the framing and interrelations of image making.” Thus, this film examines the political no longer „on the terrain of image as a virtual battlefield“, but rather by controlling the supposed uniqueness of the image itself.

If (for the participating filmmaker Jean-Luc Godard) the represented world lost any meaning, then ‚representation‘ itself draws all the attention. One would have to argue with Gilles Deleuze, that “filming not the world, but the belief in the world, our only agency “ is all that is left.

How this could become tangible is something we’ve discussing on board the Aquarius for days. Patrick, who photographed the Vietnamese boat people decades ago, argued that one should first document all that happens, and then internally select, prior to any publication. We are aware of the fact that recognizable faces of those rescued, not only creates a second form of exploitation, as their own image becomes associated with distress, but it might even mean that they people or their relatives back home are put in additional danger. In Syria, for example, escape is considered treason and is therefore punishable. Moreover, the question arises what it means to expose the suffering of ‘the others‘ for the predominantly white skinned saviours themselves, namely the repetition of the century old colonial image „Out of Africa“.

In preparation for this blog I was sent the guidelines on „Ethics in donation mails” by the umbrella organization of German NGOs. I had hoped that it would provide me with a useful toolbox. They do indeed address some problematic aspects such as „The image of children“, „The direct gaze of the subject to the photographer”, personalized human interest stories, and address the general focus on “people in distress”. However, their conclusions are far convincing. The question of whether the individualized human interest story allows for any conclusions about the general larger challenges we are facing, which in our case is the failure and the deliberate inhumanity of pan-European policies and their underlying reasons, remain untouched.

On the other hand, sosmediteranee must also be able, through the use of images, not only document what donations are being used for, but also use said images to generate new donations.

Would it indeed be possible to ask filmed or photographed migrants in such extreme circumstances, for permission to disseminate their images? Certainly not.

Bluntly spoken: if TV teams would be allowed on board, who can guarantee that their images ultimately do not harm maybe even the rescue operation itself? We all know too well the laconic tone of television, and it’s addiction to the scandal.

We need to continue this discussion in Marseille, because this responsibility is great, and for most people in Europe, there will be nothing more than these images.

Twenty years ago John Perry Barlow in his ‚Declaration of the Independence of Cyberspace‘ reflected on a thought that was to be applied to the real world. It could be a motto for sosmediteranee and not last but not least their policy on imagery:

„We are creating a world which all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or place of birth.“

After all, why should people from poorer countries outside the EU not have the right to seek their fortune in Europe? In fact, free travel should apply to everyone. This inspired artist Mansour Ciss to create a ‚Global Passport’: „In the name of artistic creation, Mansour Ciss Kanakassy asks the relevant authorities to grant the holder of this document safe conduct and necessary assistance and protection“. The Austrian art magazine springerin explained, though the artist has not yet gotten around to setting up an order form.

Meanwhile, according to Aljazeera, grey inflatable refugee boats have been spotted in the Baltic Sea, making their way from Denmark to Sweden, wishing to join their family members. Also here, help is in sight – young Danish sailors are now transporting these fugitives across the icy sea from Copenhagen to Malmö, travelling along the bridge that only recently has been closed to refugees.

 

Christian von Borries, 16.2.2016