Das Team der AQUARIUS: Chris Psarra, SAR Team

Das Team der AQUARIUS: Chris Psarra, SAR Team

Christina Psarra (Griechenland) – Stellvertretende SAR Koordinatorin auf der Aquarius während der 3. Rotation

SOS MEDITERRANEE Christina-Psarra

Ich bin seit der Gründung Mitglied des Vorstandes von SOS MEDITERRANEE Frankreich. Vor zwei Jahren, im Sommer 2014, als es SOS MEDITERRANEE noch nicht gab, war so ein Projekt noch eine höchst ambitionierte Idee und wir wussten nicht, ob es eine solche Organisation einmal wirklich geben könnte.
Ich stehe hinter dem, wofür sich SOS MEDITERRANEE einsetzt. Insbesondere letztes Jahr, als es ein massiv verstärktes Aufkommen von Flüchtlingsbooten gab und gleichzeitig die Todesraten in die Höhe schnellten, da dachte ich: wenn es in der jetzigen Situation aus humanitärer Perspektive auch nur eine sinnvolle Tätigkeit gibt, dann ist es Search and Rescue (SAR) Operationen im zentralen Mittelmeer oder der Ägäis durchzuführen. Ich glaube tatsächlich, dass wir uns nicht nur für sichere Fluchtwege einsetzen, sondern vor allem etwas gegen das Sterben im Meer unternehmen müssen. Wir dürfen nicht nur mit Leichensäcken an der Küste warten!

Ich bin 32 Jahre alt und habe immer mit und für humanitäre Organisationen gearbeitet – ob ehrenamtlich oder in Vollzeit. Studiert habe ich Politikwissenschaften, außerdem habe ich einen Masterabschluss „NGOs und Entwicklung“. Bevor ich am 10. April als stellvertretende SAR Koordinatorin auf die AQUARIUS gekommen bin, habe ich fünf Monate lang einen Search and Rescue Einsatz von Ärzte ohne Grenzen und Greenpeace in der Ägäis vor der Insel Lesbos koordiniert. In ganz Griechenland kommen dort die meisten Geflüchteten an. Obwohl das ein anderer Kontext war und wir damals nicht wie die AQUARIUS im offenen Meer tätig waren, so sind der Horror und die Todesangst der Geflüchteten und auch die Scham, die man angesichts der Bootsunglücke und Toten fühlt, letzten Endes doch die selbe. In beiden Kontexten ist es Europa, das Zäune baut und die Grenzen abriegelt. Anstatt dass die europäischen Regierungen bereit wären, Lösungen zu finden, die den Menschen eine sichere Überfahrt nach Europa ermöglichen würden, gibt es im Mittelmeer unzählige SAR Einsätze – die Küste rauf und runter.

Ich war hoch motiviert, an Bord der AQUARIUS zu gehen. Es handelt sich um eine konstante Lernerfahrung, die hilft, meine Arbeit zu verbessern. Mit der AQUARIUS bin ich nun in einem anderen Teil des Mittelmeeres unterwegs, befinde mich in einem anderen operativen Modus. Wenn Du auf diesem großen Schiff inmitten dieses riesigen Ozeans bist, musst Du mental darauf gefasst sein, für die Dauer von drei Wochen isoliert zu sein. Das ist herausfordernd. Aber vom ersten Tag an hatte ich gleich das Gefühl, dass alle an Bord sind, weil es das ist, was sie wollen. Wir sind alle aus einem einzigen Grund hier und verfolgen das gleiche Ziel.

Während der Rettungseinsätze bin ich die Leiterin des zweiten Rettungsbootes. Dessen Rolle ist es in erster Linie, nah am Flüchtlingsboot zu bleiben, während das erste Rettungsboot die Geretteten aufnimmt und in mehreren Fahrten auf die AQUARIUS bringt. Im ersten Rettungsboot sprechen wir mit den Geflüchteten, ermutigen sie und erklären ihnen die nächsten Schritte der Rettung, um ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Vor einer Rettung bin ich immer ein wenig angespannt, weil man nie weiß, was einen erwartet und mit welcher Situation man konfrontiert sein wird. Während der Rettungen bin ich einfach fokussiert.

Nach den letzten drei Rettungen durch die AQUARIUS fühle ich mehr Wut und Scham in mir; über die Grenzen und dass nicht für sichere Fluchtwege gesorgt wird.