Gedanken aus dem Rettungsteam #2: Nicola Stalla, Italien

Gedanken aus dem Rettungsteam #2: Nicola Stalla, Italien

Nicola Stalla ist seit 7 Wochen an Bord und bleibt bis Anfang Januar. Er kommt aus Italien.

„Augenblicke und Eindrücke von der AQUARIUS – eine der schönsten und intensivsten Erfahrungen meines Lebens:

Meine erste Rettung: im Dunkel der Nacht nähern wir uns einem überladenen Schlauchboot, eins wie ich es schon auf vielen Bildern gesehen habe, aber jetzt ist es unglaublich real, hier ganz nah vor mir.

Ich entdecke, dass dieses Boot kein richtiges Boot ist, sondern in Wirklichkeit ein riesiges, wie in Heimwerker-Arbeit hergestelltes Schlauchboot, erschreckend ungeeignet dem Meer zu widerstehen.

Ich schaue in eine Vielfalt von verloren blickenden Gesichtern, die uns zugewandt sind. Dann die Berührung von Dutzenden Händen, die ich greife, um diese Menschen, deren Leben in unfassbarer Gefahr ist und über deren Häuptern das Gespenst des Schiffbruchs schwebt, an Bord unseres Rettungsbootes zu ziehen.

Nach einigen Tagen die erste schwierige Rettung: die Menschen springen aus dem Boot ins Meer, in wenigen Augenblicken bricht Chaos aus. Wir werfen den Menschen im Wasser so zielgenau wie möglich die Rettungswesten zu und versuchen allen zu ermöglichen, sie an der Wasseroberfläche zu halten.

Ich sehe für einen Moment zwei nackte Beine unter Wasser, bevor sie unter dem Schlauchboot verschwinden… Wenig später bergen wir einen Menschen, der leblos im Meer treibt; er wird gerettet und erst in Folge erfahre ich, dass es derselbe ist, den ich vorher hatte entschwinden sehen. Es ist ein Junge von ungefähr 10 Jahren…

Der härteste Augenblick kommt am Ende: die fünf Toten, die im vom Meerwasser überschwemmten Boden des Schlauchbootes nicht überlebt haben; diese Toten heraus zu ziehen, sie in die weißen Säcke zu legen, das machst du mit all dem Mitgefühl, das dir in dieser Situation gestattet ist.

Viele andere Rettungen gibt es und jede ist anders. Viele der Menschen, wenn sie erst einmal in Sicherheit gebracht sind, erzählen dir ihre schreckliche Odyssee.

Zusammen mit all diesen Erfahrungen gibt es die intensiven und unvergesslichen Momente gemeinsam mit den Teamgefährten; das sind Beziehungen, die in kurzer Zeit sehr eng werden. Das ist etwas Magisches, das nur unter Menschen entstehen kann, die eine solch starke Erfahrung miteinander teilen.

Für einen Seemann wie mich, der schon viele Schiffe gesehen hat, ist das alles etwas unendlich Besonderes. Zu keinem anderen Schiff habe ich solche eine Beziehung.“

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Text: Nicola Stalla
Übersetzung: Christina Schmidt & Lea Main-Klingst
Photo: Laurin Schmid