Gedanken aus dem Rettungsteam #6 – Stephane Broc’h, Frankreich

Gedanken aus dem Rettungsteam #6 – Stephane Broc’h, Frankreich

Stephane Broc´h war 9 Wochen an Bord der Aquarius. Er lebt in Frankreich.

„Als mir zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, wie viele Menschen versuchen über das Meer zu fliehen, kam mir der Gedanke, dass ich meine Tätigkeit als Seefahrer mit etwas Sinnvollem verbinden könnte. Das war der erste Schritt einer langen mentalen Vorbereitung, bevor ich schließlich tatsächlich an Bord ging, um auf See Menschen zu retten.

Wir versuchten uns darauf vorzubereiten, aber es ist unmöglich. Keiner kann dich auf diese Art von Situation vorbereiten. Man muss sie selbst erleben. Du musst es mit deinen eigenen Augen sehen, um tatsächlich zu glauben, dass es so traurig und real ist.

Es ist wie ein Schlag. Zum ersten Mal musst du mit solch einer Situation umgehen, du hältst dir das Fernglas an die Augen, die Sicht ist schlecht, die Hände zittern und der Blutkreislauf fährt Achterbahn. Natürlich lernt man diese Gefühle zu vergessen und hinter sich zulassen, indem man ruhig bleibt und tief einatmet. Während eines Rettungseinsatzes, ist kein Platz für Gefühle. Man kann nur hoffen, dass sie später wiederkommen.

Wir bekommen den Notfallanruf ein Schlauchboot zu retten und das Briefing vorab gibt uns Mut: „Wir werden unser Bestes geben. Ohne die Spender könnten wir das ohnehin nicht tun.“ Das Zeitgefühl während eines Einsatzes ist seltsam, ein bisschen vage. Die Zeit fliegt und wir haben immer das Gefühl, es vergeht zu viel Zeit, weil wir immer wissen, es kann jederzeit schiefgehen. Das ist unsere größte Angst.

Wenn alles vorbei ist, wenn jeder an Bord der Aquarius ist, wird das Zeitgefühl langsam wieder etwas realistischer. Es ist Zeit um sich auszuruhen, sich um die Gäste an Bord zu kümmern, das bedeutet Essen vorzubereiten und alle medizinisch zu versorgen. Es ist Zeit um sich Dingen bewusst zu werden, für die, die es können. Man tauscht sich aus.

Die Menschen, die wir gerettet haben beginnen sich wieder menschlich zu fühlen. Wie lange hatten sie dieses Gefühl wohl schon nicht mehr? Manchmal gibt es nicht die richtigen Worte, aber die Gesichter sprechen für sich. SAR-Team Mitglieder und Ärzte fühlen, dass sie ihr Bestes gegeben haben. Manchmal fragen wir uns, ob das alles real war und wie die Menschheit nur so tief fallen konnte um solche Dinge geschehen zu lassen.

Beim Gedanken an die Zukunft kommen auch Gefühle der Angst auf. Aber sobald wir die ersten Lichter der europäischen Küste sehen, kann man einen Funken in den Augen der Menschen sehen. Für sie wird ein neues Leben beginnen, wortwörtlich und auch metaphorisch gesprochen.

Jeder Mensch, der von uns gerettet wurde, ist einzigartig und man bekommt ein seltsam magisches Gefühl, wenn man sie die Rampe hinunter vom Schiff gehen sieht. Unsere Arbeit ist nun getan und wir können unsere Gefühle wieder zulassen.

Und dann? Was passiert danach? Was ist der nächste Schritt? Hoffnung – wir hoffen für die Menschen, dass sie hier eines Tages ein gutes Leben führen können. Für uns ist es Zeit zurück in die SAR-Zone zu fahren, zu den Brüdern und Schwestern, die möglicherweise unsere Hilfe brauchen. Und zu hoffen, dass sie nicht bereits ertrunken sind…“

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Text: Stephane Broc´h
Übersetzung: Theresa Kuschka
Photo: Andrea Kunkl