Gedanken aus dem Rettungsteam #7: Mathilde Auvillain, Italien

Gedanken aus dem Rettungsteam #7: Mathilde Auvillain, Italien

Mathilde Auvillain war 9 Wochen an Bord der Aquarius. Sie ist Französin, lebt und arbeitet aber seit vielen Jahren in Italien.

„Ich dachte, ich wüsste Bescheid.“

Seit anderthalb Monaten bin ich auf dem Meer und habe seitdem nicht mehr mit meiner Familie telefoniert. Während ich jetzt an Land gehe und die Aquarius hinter mir im Hafen von Catania zurücklasse, habe ich die Stimme meines Vaters im Ohr. Er hat immer gesagt, der Beruf des Journalisten bedeute, alles zu wissen.

Seit zehn Jahren arbeite ich nun schon als Journalistin in Italien, und bisher dachte ich, ich wüsste, was im Mittelmeer vor sich geht. Seit zehn Jahre berichte ich für internationale Medien über die Ankunft von Migrant*innen und Flüchtlingen an den italienischen Küsten – und über die Tragödien, die damit einhergehen und die in den Zeitungen Schlagzeilen machen. Das Drama auf dem Mittelmeer ist nicht neu, und das war es auch vor zehn Jahren nicht, als ich nach Italien ging.

Der 3. Oktober 2013, die Katastrophe von Lampedusa mit 400 Toten, war allerdings ein Wendepunkt. Jetzt fand der Horror vor unseren Augen statt, vor der europäischen Küste und nicht mehr nur auf hoher See, fernab von Fotografen und Fernsehkameras. Die nächsten Monate waren ein Armutszeugnis für Europa: Die Regierungen schoben sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe und man verweigerte Italien die Unterstützung für die Hilfsoperation Mare Nostrum.

Im letzten Frühjahr kam es dann zu einer weiteren Katastrophe noch größeren Ausmaßes. Ein wahrer Alptraum: das Wrack eines Schiffes, das im April 2015 vor der libyschen Küste gekentert war, wurde geborgen und mit mehr als 700 Leichen an Bord in den Hafen von Augusta geschleppt.

Bevor ich am 15. Oktober als Communications Officer für SOS MÉDITERRANÉE an Bord der Aquarius ging, dachte ich also, ich wüsste Bescheid. Doch gleich beim ersten Rettungseinsatz wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte. Dass sich niemand vorstellen kann, was sich auf dem Mittelmeer wirklich abspielt, vor Libyen, an den Außengrenzen Europas. Dass die einzigen, die wirklich Bescheid wissen, diejenigen sind, die das Drama mit eigenen Augen sehen: Die Geflüchteten selbst, die Rettungskräfte von SOS MEDITERRANÉE, die Leute von Médecins Sans Frontières, die für die medizinische Versorgung an Bord zuständig sind, die Mannschaft der Aquarius und die Journalisten, die auf dem Schiff mitfahren.

Die Rettungseinsätze sind ein Schock, sie lassen niemanden kalt. Es fehlen einem die Worte, um das alles zu beschreiben. Den Moment, wenn wir ein sinkendes Schlauchboot am Horizont erblicken. Die Schreie der Menschen, die im Meer treiben, das Weinen der Babys, die wir an Bord nehmen, der strenge Geruch der Körper, der Benzingestank, die traumatischen Erlebnisse der Menschen in Libyen, die Vergewaltigungen und Folterungen. Es fehlen einem die Worte, den Menschen zu beschreiben, den wir zu reanimieren versuchen und der in unseren Händen stirbt, woraufhin wir seine Leiche in einen body bag legen. Es fehlen einem die Worte, um den Schmerz seiner Begleiter und Leidensgefährten zu beschreiben, die von den schrecklichen Bildern des Unglücks verfolgt werden. Es fehlen einem die Worte, um die Tränen eines Mannes zu beschreiben, der sich an ein Stück Stoff klammert, das ihm seine Mutter mitgegeben hat. Die nächtlichen Schreie eines zehnjährigen, allein reisenden Kindes.

Und dennoch ist genau das meine Aufgabe an Bord und eine der Aufgaben von SOS MEDITERRANEE: Wir müssen über das, was hier geschieht, berichten. Wir müssen Worte finden, um die Ereignisse zu beschreiben und zu erklären. Wir müssen den Menschen begreifbar machen, warum Gleichgültigkeit und Desinteresse unzulässig sind. Warum wir handeln müssen. Warum wir uns schuldig machen, wenn wir gewisse Maßnahmen treffen, über die derzeit in Europa diskutiert wird.

„Die Medien müssen berichten, damit sich etwas ändert“, sagte Amir aus Guinea am Tag nach seiner Rettung, als er mir erzählte, welch unfassbare Gewalt er auf seiner Flucht und vor allem in Libyen erlebt hat. Amirs Geschichte und die Geschichten der mehr als 10.000 Menschen, die wir seit Februar an Bord genommen haben, verfolgen uns noch tagelang, wochenlang. Man kann nicht länger so tun, als ginge einen das alles nichts an.

Ich dachte, ich wüsste Bescheid. Nichts wusste ich. Bevor ich im Januar wieder auf die Aquarius gehe, habe ich eine Aufgabe an Land: Zeugnis ablegen, Wissen verbreiten. Damit die Bürgerinnen und Bürger Europas erfahren, was sich vor ihren Toren abspielt, vor ihrer Tür, an den Grenzen der Menschlichkeit.

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Übersetzung aus dem Französischen von Jutta Wohllaib und Sonja Finck