Gedanken aus dem Rettungsteam #5 – Antoine Lefebvre, Frankreich

Gedanken aus dem Rettungsteam #5 – Antoine Lefebvre, Frankreich

Antoine Lefebvre war zwei Mal an Bord der Aquarius. Einmal für 6 Wochen und noch einmal für 9 Wochen. Er kommt aus Frankreich.

[Zum Text von Max Avis geht es hier]

„Wenn wir auslaufen und der Hafen hinter der Heckwelle der Aquarius verschwindet, fühlen wir uns endlich wieder nützlich. Manchmal öffnet man auf dem Schiff eine Tür und steht vor einer Mauer aus weißen Erstversorgungs-Kits. Urplötzlich glaubt man sich in eine eingeschneite Hütte in den französischen Alpen versetzt. Dann wird es wärmer, und wir erreichen das Gebiet, in dem wir unsere Rettungseinsätze durchführen. Bald sichten wir die ersten Flüchtlinge. Der Anblick hunderter Menschen, die sich in einem völlig überfüllten Boot drängen, um einem mit Armut, Hunger und Gewalt geschlagenen Kontinent zu entfliehen, übersteigt unsere schlimmsten Vorstellungen. Manchmal passiert tagelang gar nichts, und ich habe Zeit, über die letzten Rettungseinsätze nachzudenken. Wie ein Sportler gehe ich sie im Detail durch, analysiere jeden einzelnen Handgriff und denke darüber nach, wie man gewisse Probleme besser lösen kann. Wir alle haben das dringende Bedürfnis, uns ständig verbessern, sowohl körperlich als auch geistig. Allmählich nähert sich der Winter mit seinen schaumbedeckten Brechern, die sich gierig wie Kinder, die Bonbons verschlingen, auf die Gummiboote stürzen. Obwohl wir mit launischem Wetter zu kämpfen haben, bleibt die Aquarius auf Kurs, denn die Besatzung ist fest entschlossen, Leben zu retten. Es ist der 10. Dezember, und wir sind immer noch da. Wir werden den ganzen Winter über da sein, um ein wenig Hoffnung in diesen Teil der Welt zu bringen.“

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Zum Text von Max Avis geht es hier

Text: Antoine Lefebvre
Übersetzung: Susanne Göpper & Sonja Finck
Photo: Susanne Friedel