In eigenen Worten #13: “Ich möchte zur Schule gehen”

In eigenen Worten #13: “Ich möchte zur Schule gehen”

James* ist 22 Jahre alt. Er wurde am 11. September, 23 Meilen vor der libyschen Küste von SOS MEDITERRANEE gerettet. Zusammen mit 140 Frauen, Kindern und Männern aus über zehn verschiedenen afrikanischen Ländern hatte er die tödliche Meeresüberquerung in einem einfachen Schlauchboot gewagt – ohne jegliche Überlebenschance. An diesem Tag rettete die AQUARIUS insgesamt 252 Menschen von zwei Schlauchbooten.

James wurde in Nigeria geboren, irgendwo in einem Dorf auf dem Land. Als er fünf Jahre alt war, starb seine Mutter; er wurde von seinem Vater aufgezogen. Die Familie war arm, es gab kein Geld, um zur Schule zu gehen. “Ich habe nie lesen oder schreiben gelernt. Ich kann nur ein kleines bisschen Lesen und im Schreiben bin ich auch nicht gut,“ erzählt James mir eines Morgens auf der AQUARIUS.

„Vor fünf Jahren starb auch mein Vater, da war ich gerade 17. Ich war auf mich allein gestellt, musste Geld verdienen, um zu überleben. Aber in meiner Gegend gab es keine Arbeit, also ging ich in die Hauptstadt der Elfenbeinküste, Abidjan. Dort lernte ich Auto zu fahren und arbeitete als Taxifahrer.“ Dort blieb er bis er von der Polizei verhaftet wurde. Nicht wegen einer Straftat; sein Führerschein war lediglich abgelaufen. James erinnert sich nicht, wie lange er im Gefängnis saß, aber es war nicht zu lang, wie er mir erzählt.

Eines Tages kamen ein paar Leute auf ihn zu und sagten, sie könnten ihm Arbeit geben. In Libyen. „Es gäbe dort Farmen und dort müsse das Gras gemäht werden“, erinnert sich James. Also entschloss er sich, in das Land irgendwo im Norden Afrikas zu fahren.

Im Januar diesen Jahres kam er in Libyen an. Alles war organisiert und er begann, auf einer großen Rinderfarm zu arbeiten. Allerdings stellte sich dies schnell als der schlimmste Albtraum heraus, den James jemals erlebt hatte.

“In Libyen ist niemand freundlich zueinander. Ich wurde mit Händen und Stöcken geschlagen. Jeder hat eine Waffe, selbst die Kinder. Es gibt immer wieder Schießereien, es war schrecklich.”

Von den Booten, die Libyen verlassen, hat James nur durch Zufall erfahren. „Ich bat sie, mich mitzunehmen. Ich wusste nicht einmal, wo der Strand ist und was um für Boote es sich handelte und ich kann nicht schwimmen. Aber ich wollte nur weg aus diesem grauenvollen Land“ sagt James.

Eines Morgens im September sollten er und weitere Personen in zwei Gruppen an den Strand kommen, irgendwo nordöstlich von Tripolis. „Wir versteckten uns vier Tage im Sand. Eines Nachts kamen sie mit Waffen und zwangen uns in diese Schlauchboote. Ich hatte Angst, aber es gab kein Zurück – und das wollte ich auch nicht.“

Um zehn Uhr Abends legten die Schlauchboote ab und fuhren auf die offene See. Es gab einige Benzinkanister mit etwa 20 Litern Treibstoff; das komplett überfüllte Boot hatte einen zu kleinen Motor und kam nur langsam voran. Um sieben Uhr morgens wurde es von der AQUARIUS entdeckt, alle Passagiere wurden während eines sechsstündigen Einsatzes gerettet.

„Ich war so erleichtert, als wir euer großes Schiff sahen, und ihr mit euren Rettungsbooten kamt. Tausend Dank! Ich werde nie wieder in dieses Land zurück gehen, ich will nicht einmal mehr den Namen Libyen hören. Niemals wieder in meinem Leben,“ sagt James, während er auf die See hinaus blickt.

„Ich möchte zur Schule gehen und lesen und schreiben lernen. Natürlich möchte ich arbeiten, egal was, um Geld zu verdienen. Aber mein Traum ist es, zur Schule zu gehen, selbst mit meinen 22 Jahren. Ist das möglich?“ fragt er. „Du wirst deinen Weg machen,“ sage ich. „Aber es wird nicht einfach werden. Ich wünsche dir viel Glück.“

„Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll“ erzählt mir James. „Ich habe niemanden hier in Europa. Ich habe keine Familie dort. Meinst du, ich kann trotzdem bleiben? Es ist mein größter Wunsch, ich habe sonst nichts mehr.“

Am Mittwoch, den 14. September kommen James und 391 weitere Frauen, Kinder und Männer sicher an Bord der AQUARIUS im Hafen von Brindisi in Italien an.

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*Name von der Redaktion geändert.

Text: René Schulthoff
Übersetzung: Friederike Rummenhohl
Photo: Marco Panzetti / SOS MEDITERRANEE