In eigenen Worten #15: “Ich verstehe jetzt erst, dass wir keine Chance in diesem Holzboot hatten“

In eigenen Worten #15: “Ich verstehe jetzt erst, dass wir keine Chance in diesem Holzboot hatten“

722 Kinder, Frauen und Männer sind an Bord der AQUARIUS – sie alle wurden in einem siebenstündigen Einsatz gerettet. Sie alle haben einen Platz gefunden auf unseren Decks. Ich laufe mit einigen großen schwarzen Mülltüten umher. Die Geflüchteten an Bord sollen dabei helfen, unser Schiff sauber zu halten. Auf dem Oberdeck spricht mich jemand an: “Hey warte, ich helfe dir”.

Der Mann heißt Harun* und kommt aus Eritrea. Er hat sich mit einigen anderen Männern aus Eritrea einen Platz auf dem Oberdeck gesucht. Das Holzboot, das wir gerettet haben, war hauptsächlich mit Frauen, Kindern und Männern aus Eritrea belegt – 683 insgesamt.

“Die Leute hier auf dem Oberdeck müssen etwas mithelfen, um es sauber zu halten”, sage ich zu Harun. “Kein Problem”, antwortet er. “Ich werde es ihnen sagen. Sie werden alle helfen. Gib mir die Müllsäcke. Ich verteile sie in den verschiedenen Bereichen und sage den Leuten, dass sie ihren Müll dort rein machen sollen”.

Harun ist um die 40 Jahre alt. “Ich lebe in Addis Abeba in Äthiopien. Ich reise allein. Meine Frau und meine beiden Kinder sind dort geblieben”, sagt er. “Ich hoffe, dass ich einen sicheren Ort zum Leben und Arbeiten in Europa finde, vielleicht in Italien, und ich hoffe, dass meine Familie mir bald folgen kann”.

“Ich war mal in Eritrea”, erzähle ich Harun. Seine Augen werden groß. “Wo und wann?”, fragt er mich. “Das ist lang her”, sage ich und lache. “Es war vor mehr als 20 Jahren. 1995. Ich war mit einer Gruppe Ärzten in eurer Hauptstadt Asmara und habe dort in zwei Krankenhäusern gearbeitet. 1995”.

“Ahhhh. Zu der Zeit habe ich studiert”, sagt Harun. “1995 war ich fast fertig mit dem Studium Management und Ökonomie”. “Und dann?”, frage ich ihn. “Dann habe ich als Manager gearbeitet. In einer Bank. Es war eine staatlich geführte Bank. Kannst du dir das vorstellen? Ich habe dort 16 Jahre lang ohne jeglichen Lohn gearbeitet. Sie haben mir nur etwas für die Busfahrten dorthin gegeben. 16 Jahre. Kein Geld”. Ich kann es nicht glauben.

“Ich konnte dieses Leben in Eritrea nicht mehr leben. Also habe ich mich entschieden, mit meiner Frau und meinen Kindern das Land zu verlassen. Es war sehr gefährlich über die Grenze zu kommen. Wenn sie dich finden, wirst du getötet. Es wird viel geschossen an der Grenze zwischen Eritrea und Äthiopien”, erzählt Harun. “Aber wir haben es geschafft und kamen bis nach Addis. Dort hatte ich ein paar kleine Jobs, aber trotzdem kein Geld um die Kinder zu ernähren oder für ihre Bildung zu zahlen.”

“Aber bist du in Äthiopien sicher?”, will ich wissen. “Ja, das ist kein Problem. Aber ich habe mich dazu entschieden, andere Arbeit zu finden. Erst ging ich in den Sudan. Aber auch da sah ich keine Zukunft für mich. Also entschied ich, nach Libyen zu gehen. Dort ist es die Hölle. Ich habe mehrere tausend Dollar gezahlt, um mit einem LKW nach Libyen zu kommen. Und dann musste ich nochmal zahlen, nur um einen Platz in diesem Holzboot zu bekommen”, sagt Harun.

“Ich hab 2.200 Dollar bezahlt, nur um auf dieses Holzboot zu kommen. Weißt du, wie viele Menschen wir auf diesem Boot waren?”, fragt er. Er weiß es wirklich nicht. “Ihr wart 720 Personen auf dem Holzboot”, erzähle ich ihm. “Was? 720 Personen?”, antwortet er und ich sehe wieder die Angst in seinen Augen.

Harun musste im Innern des Bootes sitzen. Es gab zwei Ebenen unter Deck. “Es war alles so eng. Vielleicht 60 Zentimeter hoch. Wir saßen alle in einer Reihe. Ich konnte mich nicht bewegen. Und du hättest gar keinen Platz dort gehabt”, sagt er zu mir, da ich zwei Meter groß bin.

“Ich begreife es erst jetzt,” sagt Harun nach einer Weile Schweigen. “Ich verstehe jetzt erst, dass wir keine Chance in diesem Holzboot hatten. Was hast du gesagt? Wir müssen mit diesem großen Schiff noch zwei Tage fahren, bis wir die italienische Küste erreicht haben? Oh mein Gott. Ich wäre gestorben, wenn ihr nicht mich und die anderen gerettet hättet. Danke”. Und er legt seine Hände zusammen wie zu einem Gebet.

Die Geschichten, die wir an diesem Abend hören ähneln sich alle sehr, da die meisten der Menschen an Bord aus Eritrea kommen. Die Menschen sind alle sehr nett und hilfsbereit. Es ist ruhig, die Stimmung ist gelöst und entspannt. Keine lauten Diskussionen. Eine friedliche Gruppe von fast 700 Menschen. Die Jüngeren erzählen mir, dass sie Eritrea verlassen mussten, weil sie sonst gezwungen worden wären, zum Militär zu gehen. Und im Militär in Eritrea zu sein, bedeutet, dort sein Leben lang zu bleiben.

***

*Name geändert

Text: René Schulthoff
Übersetzung: Anna Kallage
Photo Credit: Fabian Mondl / SOS MEDITERRANEE