In eigenen Worten #17: „Wir zahlen einen hohen Preis, um nach Europa zu gelangen“

In eigenen Worten #17: „Wir zahlen einen hohen Preis, um nach Europa zu gelangen“

Zeugnis von Y., Kamerun


 

Auf dem Achterdeck der AQUARIUS liegt Y., 21 Jahre, aus Kamerun, auf einer Decke. Allmählich kommt er wieder zu Kräften. Seine Rettung ist noch keine 24 Stunden her und er steht noch unter Schock, wie er sagt. Er klingt, als ob er sich entschuldigen will: „In Libyen rennen die Leute mit Waffen rum wie Sie hier mit ihrem iPhone. Das sind keine guten Leute. Wenn ich daran zurückdenke, werde ich traurig.“

Obwohl die Erlebnisse sich ihm ins Gedächtnis gebrannt haben, weiß Y. nicht genau, von wo aus die vier Schlauchboote gestartet waren. Zwei von ihnen wurden am Sonntag von SOS MEDITERRANEE aus Seenot gerettet, während die Insassen der beiden anderen von einem Team von Ärzte ohne Grenzen an Bord der Dignity I genommen wurden. „Ich weiß nur, dass wir die Schlauchboote um 23 Uhr bestiegen haben.“ Man hatte ihm erklärt, wie alles ablaufen sollte. Der junge Mann hatte allerdings noch nie zuvor das Meer gesehen. „Ich stehe noch immer unter Schock! Mir war nicht klar, dass wir dem Wasser so nah sein würden. Aber dann habe ich die Wellen gesehen …“. Mit aufgerissenen Augen fügt er hinzu: „Hätte ich in diesem Moment die Möglichkeit gehabt, wäre ich auf der Stelle umgekehrt. Ich habe mir während der gesamten Fahrt die Augen zugehalten! Als unsere Retter kamen, war ich heilfroh. Ohne sie wären wir alle tot.“ Er holt tief Luft: „Jetzt ist es endlich vorbei“.

Sämtliche Menschen, die von SOS MEDITERRANEE gerettet wurden, kamen barfuß, ohne Handy und mit leeren Taschen auf die AQUARIUS. „Bevor wir durchs Wasser zu den Schlauchbooten gewatet sind, mussten wir alles abgeben, was aus Metall oder rot war. Und alle Handys. Man hat uns erzählt, dass rote Gegenstände Haie anlocken würden, weil sie glauben, es sei Blut. Also haben wir ihnen alles übergeben: Sim-Karten, USB-Stick usw. Später wurde mir klar, dass sie Angst haben, wir könnten die Überfahrt filmen. Also kassieren sie alles ein: Speicherkarten, Kompasse, alles. Einfach aus Angst, dass wir Aufnahmen machen könnten. Aber ich habe alles in meinem Kopf gespeichert.“

„Auf dem Weg durch Libyen weißt du nie, wo du gerade bist. Wir saßen in einem Transporter, und sie haben uns die Köpfe mit Decken verhüllt. Man durchquert irgendwelche Städte und sieht einfach gar nichts“, erklärt Y. „Nach Tripolis gelangte ich in einem Kofferraum. Die packen immer zwei bis drei Personen in den Kofferraum, damit wir nicht sehen, wo sie langfahren. Die Schlepper wissen, dass man uns später vernehmen wird.“

Von Tripolis aus wurde Y. in eine Lagerhalle gebracht. Einen Monat später ging es dann mitten in der Nacht zu den Schlauchbooten. „In einer Halle waren etwa dreihundert Personen eingepfercht, vielleicht sogar mehr, dicht an dicht. Schauen Sie mal, man sieht noch die Stiche hier. Das waren Flöhe, als wären wir Hunde. Es gab dort keine Decken und nur zwei Klos. Wir schliefen auf dreckigen Matten, wir schliefen im Freien, und nachts stahlen wir Datteln, um etwas zum Essen zu haben. Vor allem aber gab es kein normales Wasser, sie gaben uns Salzwasser zu trinken, Meerwasser. Wir lebten wie die Hunde: Manchmal gab es nur eine Portion für acht bis zehn Personen, und wir mussten mit den Händen essen. Ein Glück, dass wir uns nicht die Cholera geholt haben. Wir aßen Nudeln ohne alles. Uns ging es dort sehr schlecht. Es war schrecklich“.

„Diese Leute sind Verbrecher, sie haben uns wie Tiere behandelt, wie Sklaven. Sie leben vom Menschenhandel. Sie verachten uns – wenn du Arabisch verstehst, hörst du, wie sie uns als Esel und Schlimmeres beschimpfen. Dabei sind sie doch selbst Afrikaner! Aber sie verprügeln uns, sie schlagen uns mit Gasschläuchen. Mich haben sie auch geschlagen, viele Male sogar, sie haben mich richtig verdroschen. Sie haben uns schwer verletzt, sogar alte Leute haben sie geschlagen, dabei hätten es ihre eigenen Väter sein können! Wie kann man nur so hartherzig sein …?“

Y. ist wie die anderen Menschen, die die AQUARIUS am Sonntag an Bord genommen hat, in die Hände der Schlepper geraten, weil er keine andere Möglichkeit hatte, nach Europa zu gelangen. „Hätte ich ein Visum bekommen, wäre ich nach Europa gegangen und danach heimgekehrt zu meiner Familie“, sagt er. „Aber es ist fast unmöglich, ein Visum zu bekommen, deshalb ziehen wir auf eigene Faust los. Wenn du keine einflussreichen Eltern hast, bekommst du kein Visum, nicht mal zum Studieren. Wir zahlen einen hohen Preis, um nach Europa zu gelangen.“

 

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Interview: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Kerstin Elsner & Sonja Finck
Photo: Andrea Kunkl