In eigenen Worten #2: „Ich möchte, dass meine Töchter an einem Ort aufwachsen, wo die Menschen frei sind“

In eigenen Worten #2: „Ich möchte, dass meine Töchter an einem Ort aufwachsen, wo die Menschen frei sind“

Zeugnis von Dominique*, 35 Jahre

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Josephine, 7, und ihre Schwester Catherine, 5, laufen überall auf dem Deck der Aquarius herum. Sie lachen, singen, toben und lassen sich in die Luft werfen. Sie schnappen jedes fremde Wort auf und bezaubern alle an Bord. Währenddessen beginnt ihre Mutter Dominique, 35, die schmerzvolle Geschichte zu erzählen, warum sie hier sind.

„Ich  habe vier Kinder. Eigentlich fünf, da ich schwanger bin. Josephine und Catherine sind meine Jüngsten. Meine älteren Töchter sind 16 und 15 Jahre alt. Als ich selbst 18 Jahre alt war, hat meine Familie mich aus der Schule genommen und an einen Mann verheiratet, der über 60 war und bereits vier Frauen hatte. Meine Schwiegermutter hat meine Töchter an andere ältere Männer verheiratet. Ich hoffe, dass ich eines Tages die Kraft und die Mittel habe, ihnen zu helfen.“

Dominique floh mit Hilfe von Freunden aus der erzwungenen Ehe und lernte in einem geschützten Haus in der Elfenbeinküste Patrick, ihren jetzigen Mann, kennen. Nachdem Patrick wegen seiner politischen Aktivitäten bedroht wurde, flohen sie mit den beiden Mädchen aus dem Land.

Sie bezahlten Schmuggler, um die libysche Küste zu erreichen, wurden jedoch noch vor der Grenze von Libyen ausgesetzt. Kurz darauf wurden sie verschleppt und zur Arbeit auf einer Farm gezwungen. „Ich wurde geschlagen und hatte immerhin Glück, dass ich nicht vergewaltigt wurde, so wie andere Frauen. Zum Essen hatten wir genau fünf Minuten Zeit, falls wir überhaupt etwas zu essen bekamen. Sie haben uns in die Wüste gebracht, in eine Stadt namens Ben Ouali, in ein ehemaliges Gefängnis, wo sie Männer und Frauen trennten. Dort haben sie Kämpfe zwischen den Männern organisiert. Der Sieger wurde gezwungen, den Verlierer umzubringen, egal ob es sein Freund oder ein Verwandter war. Wir haben es durch Löcher in den Wänden gesehen. Sie haben diese Kämpfe mit ihren Handys gefilmt. Es war ein Zeitvertreib für sie.“

„Dann hat mich einer der Männer mitgenommen, damit ich als seine Putzfrau arbeitete. Ich flehte ihn an und konnte schliesslich meine Töchter mitnehmen. Eines Tages liefen wir davon. Ein Mann aus dem Tschad half uns, nach Tripolis zu kommen und ich musste arbeiten, um die Transportkosten zu bezahlen. Zwei Wochen später kam mein Mann dazu. Er war entkommen, als die Männer im Gefängnis einen Aufruhr machten. Der Mann aus dem Tschad war ein Schlepper, wir mussten zwei Monate lang für ihn arbeiten. Er hat uns dann einen Platz auf dem Boot besorgt.“

Das, was sie in Libyen erlebt hat, hat Dominique traumatisiert: „Jeden Tag werden dort Menschen entführt, jeden Tag werden dort Menschen als Geiseln genommen, jeden Tag werden Menschen umgebracht. Frauen werden vor den Augen ihrer Männer vergewaltigt, manchmal von acht oder neun Männern gleichzeitig. Ich habe Menschen sterben sehen, die einfach sich selbst überlassen wurden, nachdem sie für die Arbeit auf dem Feld oder sexuell nicht mehr von Nutzen waren.“

Dominique sagt:„Wenn sie versuchen, die Menschen davon abzuhalten nach Europa zu kommen, werden sie das nicht schaffen. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sind auch bereit, im Meer zu ertrinken. Sie haben nur noch die Hoffnung, dass sie irgendwie gerettet werden.“

Ihren Töchtern Josephine und Catherine, die an Bord der Aquarius allen so viel Freude machen, geht es nicht immer so gut: „Manchmal können sie nachts nicht schlafen, dann wachen sie voll Panik auf und manchmal weinen sie nachts. Ich hoffe, dass sie eines Tages all das vergessen werden, was sie gesehen und gehört haben und was ich getan habe.“

Als Dominique ihre Geschichte zu Ende erzählt hat, sind die beiden Mädchen bereits eingeschlafen. Die eine im Schoß ihres Vaters, die andere an ihre Schwester geschmiegt. „Meine Töchter sind doch klug. Sie können lesen und rechnen. Ich möchte, dass sie zur Schule gehen. Ich möchte, dass sie an einem Ort aufwachsen, wo die Menschen frei sind.“

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*Name von der Redaktion geändert

Interview: Ruby Pratka
Übersetzung: Lea Main-Klingst
Foto: Yann Merlin / SOS MEDITERRANEE