In Eigenen Worten #4: “Man wird wach von dem Lärm der Schüsse, man geht schlafen und hört Schüsse.“

In Eigenen Worten #4: “Man wird wach von dem Lärm der Schüsse, man geht schlafen und hört Schüsse.“

Zeugnis von Richard & Mary*


Das Ehepaar Richard und Mary floh 2004 aus seiner Heimat, der Elfenbeinküste, nachdem die Kämpfe zwischen der Armee und den Rebellen ‚Force Nouvelles’ ein geregeltes Leben dort unmöglich machten. Für die beiden war Libyen Anfang der 2000er ein hoffnungsvoller Ort: „Wir waren zwei Jahre in Ghana und warteten auf bessere Zeiten, dann gingen wir nach Libyen,“ erklärt Mary. „Zu der Zeit war dies unsere beste Chance. Es ist die Krise in Libyen, die uns dazu brachte aufzubrechen und nach einem sichereren Ort zu suchen.“

„In Libyen war es nicht leicht,“ sagt Richard „aber wir arbeiteten und verdienten Geld. Nach dem Krieg 2011 änderte sich alles. Menschen wurden auf dem Weg zur Arbeit als Geiseln genommen, ins Gefängnis gesteckt. Manchmal wurde man geschlagen, dann wurde man dazu gezwungen, seine Eltern anzurufen um Lösegeld zu fordern. Wir wurden immer bedroht.“

2015 wurde die Situation, wie uns Mary erklärt, noch gefährlicher. Einige ihrer engsten Freundinnen und Freunde wurden in Gefängnislager gebracht. Die beiden jedoch hatten Glück: „Wir wurden entführt, doch ein Mann brachte uns zu sich nach Hause, damit wir dort arbeiteten, und sobald er das Haus verließ, flohen wir“, erzählt Richard. „Wir wussten nicht wohin, und waren schließlich im Zabrata Camp, wo auch viele andere Afrikaner waren.“ In Zabrata wurden sie ZeugInnen von täglicher Gewalt. „Die Männer wurden schlechter behandelt als die Frauen, doch als Frau bekommst du die ganze Gewalt mit und bist traumatisiert von der Brutalität. Das Gleiche gilt auch für die Männer. Man wird wach von dem Lärm der Schüsse, man geht schlafen und hört Schüsse. Sobald jemand schlechte Laune hat, wird geschossen. Wenn man mit ständiger Angst lebt, ist nichts einfach, noch nicht mal ein Glas Wasser zu trinken.“

Richard und Mary ergänzen gegenseitig ihre Sätze. „Gott ist der einzige, der dir dort helfen kann, eine Person alleine schafft das nicht“, sagt Richard. „Selbst wenn du stark bist, Gott wacht über dich. Doch wir sind gemeinsam stärker, denke ich. Die Ehe bringt Kraft mit sich.“

*Namen von der Redaktion geändert.

Protokoll: Ruby Pratka
Übersetzung: Lea Main-Klingst
Foto: Yann Merlin / SOS MEDITERRANEE