In eigenen Worten #44: „Ich bin erst 17, ich möchte leben!“

In eigenen Worten #44: „Ich bin erst 17, ich möchte leben!“

„Ich bin 17 Jahre alt und habe meine Familie in Ghana verlassen, weil in unserer muslimischen Tradition ein Mädchen den Sohn ihres Onkels väterlicherseits heiraten muss. Das wollte ich aber nicht. Mein Wunsch war schon immer, zur Schule zu gehen. Wenn du verheiratet bist, kannst du nicht studieren und nicht mal arbeiten. Als Frau ist es nicht leicht in Ghana. Du musst vor dem Schrein der Familie schwören, dass du heiraten und Kinder kriegen wirst. Wenn du das nicht machst, verflucht dich deine Familie und verstößt dich. Meine Mutter wollte nicht, dass ich auf die Straße gesetzt werde, aber mein Vater hat mir gesagt, dass ich umgebracht würde, wenn ich nicht den Mann heirate, den sie ausgesucht hatten. Er hat mich mit einem Riemen geschlagen, mir gedroht und geschrien: „Wenn du ihn nicht heiratest, töte ich dich!“

Ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, die beide mit Männern verheiratet sind, die mein Vater ausgesucht hat. Er hat mir verboten, sie zu sehen, bevor ich verheiratet bin. Mein Bruder hat ebenfalls versucht, mich zu überzeugen. Er hat mich auch geschlagen, doch ich wusste, dass ich ein anderes Leben will.

Meine Mutter konnte dazu nichts sagen. Sie wollte nicht, dass ich gehe, hat geweint und hatte Angst vor mir. Sie war krank und konnte nicht laufen, weil ihre Beine gelähmt waren. Sie konnte sich meinem Vater noch nie widersetzen. Er hat mich geschlagen und gesagt, dass er nicht lange zögern würde, mich erschießen zu lassen, wenn ich nicht gehorche.

Ich habe mein Land Ende Januar 2017 verlassen. Die Reise von Ghana nach Libyen hat drei Wochen gedauert. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig wird. Aber die Reise über das Meer war noch schlimmer als die Wüste. Dort gibt es wenigstens Sand, aber auf See schubsen dich alle, du wirst zerdrückt, und wenn du ins Wasser fällst, kann dir keiner helfen, du stirbst einfach. Wenn in der Wüste der Motor kaputtgeht kann man anhalten und ihn reparieren.

Aber es ist gefährlich in der Wüste anzuhalten. Wenn der Laster weiterfährt und du bist nicht wieder oben drauf, dann hilft dir keiner. Ich habe viele Leichen im Sand liegen sehen.

An den Checkpoints wird jeder geschlagen, aber ich hatte nichts, was ich ihnen hätte geben können. Ich habe versucht mich zu verstecken, damit sie mich nicht finden. Ich wollte auch nichts sehen oder hören.

Als wir in Tripoli ankamen, war mein einziger Gedanke, wie ich einen Job finden kann, um zur Schule gehen zu können. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Situation sehr schwierig ist. Ich hatte oft Angst. Einmal habe ich eine starke Explosion gespürt: Eine Bombe war in einer Nebenstraße explodiert und dann habe ich eine Gruppe Bewaffneter gesehen, die anfingen zu schießen. Sie haben so viele Menschen umgebracht!

Mir wurde gesagt, dass ich fliehen soll, denn ich war in der sogenannten „Schwarzen Zone“, dem Bezirk der schwarzen Einwanderer. Libyer hassen Einwanderer, besonders schwarze. Sie machen Jagd auf Schwarze – es gibt einen richtigen Krieg gegen sie! Wenn ich das Haus verlassen habe, um etwas zu essen zu besorgen, wurde ich immer verfolgt, geschubst, manchmal angefasst. Es ist sehr gefährlich auf die Straße zu gehen, besonders, wenn du schwarz bist. Am gefährlichsten ist es als schwarze Frau. Ich habe oft gesehen, wie Leute auf einen Lastwagen geladen und weggebracht wurden. Man hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Ich habe gesehen, wie Menschen getötet wurden, während sie einfach nur die Straße entlanggingen.

In Tripoli habe ich in dieser „Schwarzen Zone“ gewohnt. Ich wurde in ein großes Haus gebracht, wo noch vierzig andere schwarze Mädchen wohnten, die auf Abruf arbeiteten, während sie auf ihre Abreise warteten. Ich habe im Haushalt einer Araberin gearbeitet, die mich nie bezahlt hat. Wenn ich um Geld gebeten habe, hat sie mich geschlagen. Es war sehr frustrierend und ständig hatte ich Angst, dass mir etwas passiert. Manchmal konnte man Schüsse und starke Explosionen hören. In diesem Haus habe ich etwas länger als einen Monat gelebt.

Als ich die Lage in Tripoli gesehen habe, wusste ich, dass ich dort nicht bleiben kann. Ich hatte große Angst, weil ich wusste, dass ich weder bleiben noch zurückgehen konnte. Beides hätte meinen Tod bedeutet. Ich habe mich komplett verloren gefühlt.

Ich wusste überhaupt nichts über die Boote, die nach Europa fahren. Ich war ja nach Libyen gekommen, um zu arbeiten.  Aber eines nachts warf jemand eine Bombe gegen das Haus, in dem wir wohnten, und später kamen ein paar Männer, die uns zum Abfahrtsort der Boote brachten. Es war Nacht und ich konnte nichts sehen außer den weißen Gummibooten, auf die wir stiegen. Ich habe nichts bezahlt, weil ich überhaupt kein Geld hatte. Die Araberin, für die ich gearbeitet habe, muss mir die Reise bezahlt haben.

Ich habe gefragt, wohin wir fahren, und sie sagten mir, dass es nach Europa geht. Zu Anfang hatte ich keine Angst, denn ich wusste ja gar nichts über die Überfahrt und ich konnte auch nichts sehen, weil es so dunkel war. Aber als die Sonne aufging hat es mich erschreckt, mitten auf dem Meer zu sein. Die anderen haben sich übergeben, geweint, gebetet. Ich habe mich nicht bewegt. Mir war nach Weinen zumute, doch ich hatte zu große Angst, ins Wasser zu fallen. Ich war vor Angst wie gelähmt!

Jetzt, wo ich gerettet wurde, möchte ich studieren, um Menschen im Gefängnis zu helfen. Denn wir haben auch in einem Gefängnis gelebt. Ich habe gesehen, was es bedeutet, so viele Tage ohne Essen und kaum Wasser eingesperrt zu sein. Ich möchte den Menschen im Gefängnis zu essen geben.

Wenn ich in Italien ankomme möchte ich zu allererst meiner Mutter sagen, dass ich noch lebe. Aber mein Vater soll denken, dass ich tot bin.

Ich bin erst 17 Jahre alt. Ich möchte nicht heiraten, ich möchte leben, um studieren zu können!“

 

Text: Francesca Vallarino Gancia
Übersetzung: Matthias Dalig