In eigenen Worten #46: „Nicht einmal meinen schlimmsten Feind würde ich nach Libyen schicken“

In eigenen Worten #46: „Nicht einmal meinen schlimmsten Feind würde ich nach Libyen schicken“

Mariam* und ihre Familie haben einige Jahre in Libyen verbracht. Nach der Rettung durch SOS MEDITERRANEE berichtet sie, wie die Zustände im Land immer unerträglicher wurden.

Mariam möchte ihren richtigen Namen nicht nennen, weil sie Angst hat, wiedererkannt zu werden. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern gehört sie zu den 587 Menschen, die an diesem Wintertag von der Aquarius an Bord genommen worden sind, nachdem sie fast ertrunken wären. Als sie sich dazu bereit erklärt, uns ihre Geschichte zu erzählen, hat sie noch nicht ganz realisiert, dass ihr Albtraum in Libyen vorbei ist. Sie stammt aus Mali und war ihrem Mann Ende 2012 in die libysche Stadt Derna gefolgt. Dieser hatte ihre Heimat einige Zeit vorher verlassen, weil er hoffte, in Derna seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Sie war damals 19 Jahre alt, er 18. „Er arbeitete in einer Zementfabrik, ich war Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft.“ Während unseres Gesprächs versuchen ihre zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren ein paar Luftballons, die sie irgendwo gefunden haben, aufzublasen, während ihre Mutter vergeblich versucht, sie für die Buntstifte und das Papier zu begeistern, die auf der Aquarius zur Verfügung stehen.

Der Traum von einem besseren Leben in Libyen war schnell vorbei

Die Kinder wurden beide in Libyen geboren. Trotzdem haben sie keine libyschen Papiere: „Schwarze haben in diesem Land überhaupt keine Rechte.“ Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen in Derna, bis eines Tages Islamisten die Macht übernahmen, die Fabrik schlossen und eine Blockade errichteten. „Alles wurde immer teurer. Von Tag zu Tag war es schwerer, etwas zu essen für die Kinder aufzutreiben. Eine Milchflasche, die vorher 12 Dinars (ca. 7 Euro) gekostet hatte, kostete plötzlich 23 Dinars (14 Euro). Der Preis für eine Packung Windeln stieg von 7 auf 25 Dinars (von 4 auf ca. 15 Euro).“ Die Preise für Lebensmittel, Wasser, Gas, Strom schnellten in die Höhe, und die Lebensbedingungen verschlechterten sich rapide. „Man bekam für seine Arbeit nur noch einen Teil des Lohns ausgezahlt oder gar nichts mehr. Als Frau konnte man nicht mehr alleine auf die Straße gehen. Sobald man das Haus verließ, wurde man entführt und eingesperrt. Dann riefen sie den Mann oder die Eltern an und forderten Lösegeld. Wenn die Familie nicht zahlte, blieb man in Gefangenschaft, wurde geschlagen oder Schlimmeres. Nicht nur die Libyer sehnen sich nach Gaddafi zurück …“

Die Flucht als einzige Chance zu überleben

Ihre Flucht nach Europa war nicht geplant, erschien ihnen aber immer mehr als der einzige Ausweg aus ihrer Notlage. Sie dachten dabei vor allem an die Kinder. Die Familie saß in Derna fest, einer Küstenstadt ganz im Osten des Landes. Es verging eine Woche, bis ihnen die Flucht gelang. Nach Benghazi, etwa 300 Kilometer westlich, waren sie eine weitere Woche unterwegs. „Überall stießen wir auf Bouabas [eine Art Polizeisperre], die uns nicht durchließen.“ Nach ihrer Ankunft wohnten sie ein paar Tage bei Bekannten, bevor es weiter nach Tripoli ging, 1000 Kilometer entfernt. „Für die Strecke brauchten wir zwei Wochen.“

„Zum Glück kannten wir wieder jemanden, bei dem wir unterkommen konnten. Wir fragten herum und erfuhren recht schnell, wie wir das Land verlassen können. Wir entschieden uns zur Flucht über das Meer, auch wenn uns bewusst war, wie gefährlich das ist.“ Mariam weiß, dass sie und ihre Familie dem Tod nur knapp entkommen sind, aber sie bedauert die Entscheidung nicht. „Selbst meinen schlimmsten Feind würde ich nicht nach Libyen schicken“, sagt sie am Ende unseres Gesprächs.

 

Foto: Fabian Mondl / SOS MEDITERRANEE
(Um die Anonymität zu wahren, zeigt das Foto nicht die Protagonisten des Berichts.)

* Vorname geändert.

Übersetzung aus dem Französischen von Diana Driza und Sonja Finck