In eigenen Worten #8: „Seit ich auf diesem Boot bin, kann ich anfangen zu vergessen. Das fühlt sich so gut an.”

In eigenen Worten #8: „Seit ich auf diesem Boot bin, kann ich anfangen zu vergessen. Das fühlt sich so gut an.”

Zeugnis von Mory*


Mory steht am Deck der Aquarius, die Hände um die Reling geschlossen, den Blick aufs Meer gerichtet. Er dreht den Kopf der leichten Brise entgegen, eine kleine Abkühlung an diesem erstickend heißen Tag. ”Fühlt sich gut an”, sagt er. ”Seit ich auf diesem Boot bin, seit ich mit Leuten reden kann, kann ich anfangen all das zu vergessen, was zuvor passiert ist. Und das fühlt sich so gut an.”

Bei ”was zuvor passiert ist” wandelt sich seine leise aber bestimmte Stimme zu einem Murmeln und stockt. ”Ich war in der Schule, ich stand kurz vor dem Abschluss,” sagt der 21-Jährige, der aus einem kleinen Dorf im westlichen Mali stammt. ”Wir konnten ein ganzes Jahr nicht zur Schule gehen, wegen des Krieges gab es keinen Unterricht. Dann verlor ich im letzten Jahr meine Eltern während einer Epidemie. Sie wurden krank und starben, zuerst der eine, dann der andere. Als sie tot waren konnten wir die Schulgebühren nicht mehr bezahlen, und wir mussten die Schule abbrechen.”

”Jetzt habe ich außer meiner Schwester niemanden mehr auf der Welt. Sie ist 15 und lebt mit einem unserer Onkel in Bamako. Sie ist ein Mädchen und ich bin ein Junge, deshalb ist es einfacher für mich alleine zu gehen und mich in dieser Welt durchzuschlagen, als es das für sie wäre. Ich muss für sie kämpfen. Sie möchte ihren Schulabschluss machen und dann an der Universität Wirtschaftswissenschaften studieren. Es ist mein Traum, ihr dabei helfen zu können.”

Mory hat Mali vor zehn Monaten verlassen. Sechs Monate lang war er in Libyen inhaftiert.
”In Libyen werden Afrikaner aus Saubsahara-Afrika aus ihren Häusern gezerrt und ins Gefängnis geworfen. Sie geben uns fünf Tage lang kein Essen, dann etwas Spaghetti und das war’s. Sie prügeln uns, sie prügeln uns, jeden Tag prügeln sie uns.”

Seine Stimme verrät mehr Enttäuschung als Ärger. ”Sie sind Afrikaner wie wir auch, aber sie behandeln uns wie Waren. Das ist traurig. Libyen ist kein sicheres Land, es ist gar kein Land. Ich würde nicht einmal meinen schlimmsten Feind auf den Weg wünschen, den ich genommen habe. Aber wie sollen wir aus Libyen rauskommen? Zurückgehen in unsere Länder, wo Krieg herrscht, oder was?”
”Man riskiert sein Leben in Libyen, und Libyen gibt einem nichts als Elend. Aber dank sei dem Herrn, sobald ich auf diesem Boot war fing ich an all dies zu vergessen. Und das fühlt sich so gut an.”

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*Name von der Redaktion geändert

Protokoll: Ruby Pratka
Übersetzung: Ulrike Werner
Photo: Yann Merlin