In eigenen Worten #12: Letzte Hoffnung Europa

In eigenen Worten #12: Letzte Hoffnung Europa

Nach der medizinischen Routineuntersuchung verlassen am Morgen des 12. Augusts 169 Gerettete in Trapani die AQUARIUS. Insgesamt zwei Tage hatten sie an Bord der AQUARIUS verbracht, nachdem sie von der Bourbon Argos gerettet und dann zu uns auf Schiff gebracht wurden, da die AQUARIUS bereits Kurs auf den Hafen zum Crewwechsel genommen hatte. Die Geretteten kommen aus 15 verschiedenen Ländern und sind von Libyen aus in drei Schlauchbooten gestartet. Alle drei werden von der SeaWatch 2 und der Bourbon Argos (Ärzte ohne Grenzen) gerettet werden.

Fluchtgründe

Bei ihrer Ankunft auf der AQUARIUS am 10. August sind viele von ihnen äußerst gesprächig und erzählen uns spontan ihre Lebensgeschichte und die Gründe, die sie zu dieser Reise bewegt haben: Ihre Leben wurden durch Kriege, Verfolgung, die Androhung von Gewalt und Erpressung bedroht. Das Überleben in ihren Herkunftsländern war für viele fast unmöglich geworden, so stark prägt dort die Armut den Alltag.

M.* und Ishaq* aus Ägypten

Unter den Geflüchteten befinden sich auch zehn ägyptische Männer, die zusammen mit 18 anderen auf einem kleinen Fischerboot unterwegs gewesen waren. Einer von ihnen hat 15 Jahre lang in Libyen gearbeitet, andere erst seit drei bis vier Jahren. Sie alle sind koptische Christen aus der Al-Minya Region. Nachdem dort christliche Kirchen und Häuser in Brand gesteckt worden waren, sahen sie sich zunehmend Bedrohungen ausgesetzt. In Libyen war die Situation nicht besser: „Als ich 2003 in Libyen ankam, ging es uns noch gut. Aber nach der Revolution wurde es schlimmer. Nun wird jeder schlecht behandelt, selbst Libyer. Viele sind schwer bewaffnet. Aber wir Christen werden noch mehr ins Visier genommen. Wir haben auch schon Morddrohungen erhalten“, erzählt M., ein 27-jähriger Vater von zwei Kindern, die mit seiner Frau in Ägypten geblieben sind.
Sie arbeiten als Bauarbeiter und Tagelöhner; als die wirtschaftliche Situation sich verschlechtert und das Land unsicherer wird, verdienen sie fast gar nichts mehr. „Wenn uns als Lohn 3000 Dinars versprochen wurde, bekamen wir im besten Fall 500 Dinars. Die meisten Chefs sind verlogen.“ Ishaq*, 29, ist angeschossen und mit Gewehrkolben geschlagen worden, als er seinen Lohn einforderte. Zusätzlich wurden nach eigenen Angaben wurden viele regelmäßig auf offener Straße oder in der eigenen Wohnung erpresst. „Jeder konnte als Geisel genommen werden. Entweder du zahlst oder du bist tot. Mir haben sie 5000 Dinars gestohlen“, sagt Ishaq. „Mehrere Männer stürmten unser Haus, nicht einmal der Vermieter konnte etwas dagegen tun.“

Sie mussten also ihre Angst vor der Meeresüberquerung überwinden; die endgültige Lösung, die sie vorher nie erwägt hätten. Aber „niemand kann die Situation in Libyen noch aushalten, weder Christen noch Muslime“, sagen sie und erzählen, dass die Belegung des billigen Hotels, in dem sie wohnten, seit Mitte Juni von 70 auf vier Personen gefallen ist. Auch eine Rückkehr nach Ägypten ist keine Alternative gewesen, denn dort wären sie zu Elend verdammt gewesen. „Alles, was wir wollen, ist uns und unsere Familie ernähren zu können. In Ägypten sind die Preise für Medikamente um die Hälfte gestiegen.“ Nichtsdestotrotz haben sie keine falschen Vorstellungen von ihrem Leben in Europa: „Wir kennen einige Ägypter, die nicht so gut über die Runden kommen. Aber wenn eine Rückkehr nach Ägypten eine gute Lösung wäre, hätten wir nicht das Risiko dieser Reise auf uns genommen.“
Unter den Geretteten sind auch zwei 15-jährige und ein 17-jähriger unbegleiteter Minderjähriger. Sie haben in Libyen Zement auf Baustellen angerührt. „Die öffentlichen Schulen in Ägypten sind nutzlos“, merkt M. an. „Man lernt dort gar nichts. Im Gegenteil, du verlernst sogar, was du woanders gelernt hast.“

Ismaela* aus Guinea

Ismaela, 22 Jahre alt, kommt aus Conakry, der Hauptstadt von Guinea in Westafrika. Aufgewachsen ist er in der Elfenbeinküste, wo sein Vater ein kleines Restaurant am Straßenrand betrieben hat. Dieses war unter der neuen Regierung abgerissen und weiter weg von der Straße wieder aufgebaut worden, so dass er viele Kunden verlor. Ismaela wäre gerne weiter zur Schule gegangen, aber da er stark kurzsichtig ist, musste er die Schule abbrechen, in der er Spanisch lernte, um Dolmetscher zu werden. „Meine Sehschwäche wurde zu teuer für meinen Vater. Er konnte es sich nicht leisten, immer neue Brillen zu kaufen“, sagt Ismaela mit Bedauern darüber, dass man in vielen afrikanischen Ländern vom Bildungssystem ausgeschlossen ist, wenn man nicht reich ist. Er wollte außerdem in einen Fußballverein eintreten, aber ohne Geld musste er auch diesen Traum aufgeben. Letztendlich ist er in Libyen auf Jobsuche gegangen. „Wir saßen in einer Gruppe am Straßenrand und sie holten uns ab für Aushilfsjobs: putzen, Ziegelsteine tragen, Zementsäcke ausladen. Schließlich fand ich Arbeit in einem Restaurant, das einem Mann aus Burkina Faso gehörte. Er zog mir mehrere Tagesgehälter ab, wenn ich malariakrank war, obwohl ich weiterarbeitete.“ Wenn er weiterhin in Libyen seinen Lebensunterhalt in Würde hätte bestreiten können, wäre er geblieben: „Wir, die Schwarzen, finden in Libyen keinen Frieden. Sogar die nicht-libyschen Weißen haben Schwierigkeiten. Es gibt keine Sicherheit, ich hatte ständig Angst. Selbst ein zehnjähriges Kind kann dich behandeln, wie es will. Ich hatte vorher nicht gewusst, wie schlimm die Situation dort ist. Ich würde jedem meiner Freunde davon abraten, nach Libyen zu kommen. Aber ich weiß, dass sie sich wahrscheinlich denken ‚Wenn er es nach Europa geschafft hat, dann können wir es auch schaffen‘.“

Mohammad* aus Libyen

Der Konflikt in Libyen führt auch dazu, dass viele Libyer fliehen. Der 21-jährige Mohammad beispielsweise hat seine Heimat nach wiederholten Drohungen gegen ihn, seine Familie und seine ethnische Gruppe verlassen. Der Kampf zwischen den Milizen Fajr Libya und Zentan hatte in Tripolis begonnen und sich später bis in seine Heimatstadt Kikla ausgebreitet und so weitere Stammeskämpfe, die auch Mohammads ethnische Gruppe betrafen, entfacht. Seine Familie musste fliehen und ließ sich zunächst in Tripolis nieder. Obwohl er Arbeit gefunden hatte, fühlte sich Mohammad nicht sicher. „Ich konnte nicht mehr schlafen, ich war in einem ziemlich schlechten psychischen Zustand.“

Diese Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern kommen und unterschiedliche Geschichten haben, vereint eines: Europa ist ihre letzte Hoffnung: „Europa ist so etwas wie unser Großvater. Wenn es mit unserem Vater nicht mehr gut läuft, wenden wir uns unserem Großvater zu“, gesteht Ismaela.

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*Namen geändert

Text: Nagham Awada
Übersetzung: Friederike Rummenhohl
Photo credit: Isabelle Serro/ SOS MEDITERRANEE