Libysche Küstenwache fängt erneut Flüchtende auf hoher See ab – Weitere Tote im Mittelmeer

Libysche Küstenwache fängt erneut Flüchtende auf hoher See ab – Weitere Tote im Mittelmeer

Pressemitteilung
Berlin, 05.03.2018


Die Seenotretter*innen von SOS MEDITERRANEE haben am Wochenende gleich zweimal beobachten müssen, wie die libysche Küstenwache auf hoher See Flüchtende abgefangen und zurück nach Libyen gebracht hat. Gleichzeitig forderte der Mangel an Rettungsschiffen erneut Menschenleben: Berichten zufolge sind mindestens 21 Menschen ertrunken, weil sie nicht rechtzeitig entdeckt und gerettet wurden.
72 Überlebende befinden sich momentan an Bord der Aquarius.

72 Überlebende, viele Vermisste

Am Samstag, den 03. März, hat die Aquarius, das gemeinsam von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen betriebene Rettungsschiff, 72 Gerettete vom zypriotischen Handelsschiff „MS Everest“ übernommen, darunter 42 Menschen die einem Holzboot entkamen, das wenig später von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen geschleppt wurde.

Laut Augenzeugenberichten sind dabei 21 Menschen ertrunken, darunter eine schwangere Frau: „Wir waren 51 Leute auf dem Holzboot. Aber als die Leute in der Nacht in Panik gerieten und das Boot fast umkippte, fielen Menschen ins Wasser. Wir hatten fünf Frauen an Bord, vier sind ertrunken, darunter eine schwangere Frau. Ich habe meinen Bruder verloren, auch er ist gestorben“, erklärte ein junger Überlebender aus Gambia.

Erneut fängt libysche Küstenwache Flüchtende ab

Nur wenige Stunden zuvor wurde die Aquarius selbst Zeuge, wie die libysche Küstenwache auf hoher See weitere Flüchtende abfing und nach Libyen zurückbrachte. Die italienische Seenotleitstelle MRCC hatte die Aquarius zu einem Schlauchboot östlich von Tripolis gerufen. Als die Aquarius die angegebene Position erreichte, war die libysche Küstenwache bereits vor Ort und lehnte jede Unterstützung bei der Rettung ab.

Am Sonntagmorgen ereignete sich ein ähnlicher Vorfall. Als die Aquarius von der italienischen Seenotleitstelle zum nächsten Seenotfall gerufen wurde, tauchte plötzlich eine Einheit der libyschen Küstenwache auf, die mit hoher Geschwindigkeit auf Kollisionskurs mit der Aquarius ging. Die libysche Küstenwache reagierte auf keinen der Funksprüche der Aquarius. Stattdessen drehte sie zunächst ab, um dann erneut mit hoher Geschwindigkeit auf die Aquarius zuzufahren. Über Funk rief sie die Aquarius dazu auf, das Gebiet zu verlassen. Die Crew der Aquarius informierte die libysche Küstenwache, dass sie einen Such- und Rettungseinsatz gemäß den Anweisungen der italienischen Seenotleitstelle durchführt. Wenig später erklärte die libysche Küstenwache, dass sie die Rettung koordinieren würde.

„Am Wochenende war die Aquarius das einzige humanitäre Rettungsschiff in der Gegend. Insgesamt 24 Stunden lang waren wir im Einsatz, und mussten ein Gebiet von mehr als 120 Seemeilen abdecken. Das verantwortungslose Verhalten von Einheiten der libyschen Küstenwache hat die Gefahr für Flüchtende im Mittelmeer zusätzlich erhöht – und das, obwohl es ohnehin die tödlichste Fluchtroute der Welt ist“.

Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland: „Unser Einsatz ist notwendig. Ohne die Aquarius hätte niemand von dem gefährlichen Verhalten der libyschen Küstenwache und den 21 Ertrunkenen erfahren“, erklärte Papke.

Mit der Bitte um Veröffentlichung.
Photo Credits: Hara Kaminara

Für Fotomaterial und Interviews kontaktieren Sie bitte: Jana Ciernioch, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., j.ciernioch@sosmediterranee.org