Logbuch #22: Rettung in der Nacht

Logbuch #22: Rettung in der Nacht

 24.06.16

Es ist 22 Uhr. An Bord der Aquarius schlafen 653 Menschen. Letzte Nacht hat niemand geschlafen.

Gestern Nachmittag erhielten wir einen gewöhnlichen Notruf für ein Schlauchboot etwas östlich des Standortes unserer vorherigen Rettung. Wir baten die erste, bereits gerettete Gruppe aus der Morgenrettung, etwas Platz zu machen und bereiteten die Essenspakete für die Neuankömmligen vor. Das einzige Problem … weit und breit sahen wir kein Boot.

Das Boot flackerte immer wieder sichtbar auf unserem Radar auf. Die Sonne ging langsam unter. Wir drehten immer und immer wieder um den im Notruf genannten Standpunkt. 20.20 Uhr, 20.40 Uhr, 21.00 Uhr, 21.20 Uhr … es war stockdunkel. Wir warteten auf weitere Anweisungen vom MRCC, ob wir abbrechen, die Suche am Morgen weiterführen sollen. Wir konnten nichts sehen, und während wir wussten, dass es schwierig ist für solche Boote und ihre Insassen, zwei Tage lang auf See zu sein und zu überleben, wussten wir, dass einige es in der Vergangenheit geschafft hatten.

Wir bekamen keine Anweisungen. Der Kapitän und der zweite Offizier fuhren immer weiter im Kreis. Der flackerne Lichtpunkt auf dem Radar füllte uns mit Hoffnung und Sorge.

“Ich sehe etwas … aber ich glaube es ist ein Vogel.”

“Ich sehe etwas … oh, das sind die Lichter von Tripoli.”

“Ich sehe etwas … es ist lang und weiß und definitiv ein Boot. Und darin sitzen Menschen die winken.”

Auf einmal wurde das Boot und seine hundert Insassen von den Scheinwerfern erhellt.

Um 23.30 wurden unsere Rettungsboote ins Wasser gelassen für unseren ersten Nachteinsatz. 122 Erwachsene, kaum ansprechbar vor Angst und Erschöpfung. 5 Kinder, die die Geretteten mit Vogelgeräuschen zum lachen brachten,  und sich der Gefahr, und der Ängste ihrer Eltern nicht bewusst waren. Junge Männer stellten sich an um Kekse zu erhalten. “Danke, danke, wir sind froh euch zu sehen”, sagten sie. “Wir auch,” antworteten wir, tief bewegt, von dem kleinen Lichtpunkt auf unserem Radar.
Protokoll: Ruby Pratka
Übersetzung: Lea Main-Klingst
Foto: Yann Merlin / SOS MEDITERRANEE