Logbuch #30: „Zurück im Rettungsgebiet – 142 gerettet am Montagmorgen“

Logbuch #30: „Zurück im Rettungsgebiet – 142 gerettet am Montagmorgen“

Es ist früher Montagmorgen. Die erste Wachschicht begann um 5.00 Uhr. Die See ist ruhig und gegen 6.30 Uhr geht die Sonne langsam auf. Nicht einmal 10 Minuten später verwandelt sich die Ruhe des Sonnenaufgangs in Hektik an Bord der Aquarius.

Gegen 6.40 Uhr bemerkt ein Team Mitglied einen grauen Fleck am Horizont. Es ist ein Schlauchboot. Ein Großes. Mit sehr vielen Menschen. An diesem Punkt kann man noch nicht sagen, wie viele Menschen es sind, aber die Vorgehensweise ist stets dieselbe: Alarm.

Die meisten Mitglieder von MSF und SOS MEDITERRANEE schlafen zu dieser Zeit noch. Es braucht jedoch nur ein paar Minuten, bis alle angezogen und ausgerüstet sind für den bevorstehenden Rettungseinsatz. Wir müssen schnell sein.

Nach 20 Minuten ist der Einsatzort erreicht, 25 Meilen nördlich der Küste zu Libyen. Das Schlauchboot scheint in einem sehr guten Zustand zu sein, ist aber vollkommen überladen mit Frauen, Kindern und Männern. Die Rettungsboote erreichen wir etwa 30 Minuten später. Das Team verschafft sich einen ersten Überblick, 25 Frauen und 8 Kinder an Bord, keiner von ihnen scheint verletzt. Der Rettungseinsatz beginnt; der Erste für das neue Such- und Rettungsteam der Aquarius.

Kinder und Frauen werden zuerst an Bord gebracht. Die Kinder sind sehr jung, zwischen eins und elf. Sie werden in einer Unterkunft, die von MSF speziell für Frauen und Kinder eingerichtet wurde, untergebracht.

Der Rettungseinsatz dauert 2 Stunden. 8 Shuttles mit 18 Frauen und Männern pro Rettungsboot. Gegen 9.30 Uhr sind alle 142 Menschen sicher an Bord der AQUARIUS. Sie kommen aus 10 verschiedenen afrikanischen Ländern; die Mehrheit aus der Elfenbeinküste, Mali, und Guinea.

„Ihr begrüßt uns in Frieden, herzlich und warm“ sagt einer der jungen Männer, nachdem er ein Paket mit Essen, Wasser, einer Decke und Kleidung von unserem Team erhalten hat. „Wir wurden sonst nur mit Brutalität willkommen geheißen. Ich danke euch so sehr.“

Während die Männer ihren Platz oben an Deck der AQUARIUS finden, bereiten Frauen und Kinder ihren Schlafplatz unter Deck vor. Es braucht lediglich eineinhalb Stunden und acht der jüngsten Gäste an Bord haben die Herzen des gesamten Teams erobert. Nahezu jeder spielt ein wenig mit den Kindern, albert herum, schenkt ihnen ein Lächeln, gibt einen Teddy und bekommt ein strahlendes Lächeln von ihnen zurück.

Es ist mittlerweile Mittag und die AQUARIUS fährt noch immer im östlichen Teil des Mittelmeers vor der Küste Libyens, bis das Koordinationszentrum in Rom uns kontaktiert. Wir werden gebeten uns Richtung Westen zu begeben. Dort ist gerade ein anderer Rettungseinsatz in Gang und sie benötigen die Unterstützung der AQUARIUS. Es ist noch nicht ganz klar, wie geholfen werden kann, jedoch haben einige andere private Rettungsboote bereits einige hundert Menschen aus Seenot gerettet. Unsere neuen SAR-Team Mitglieder haben gerade ihren ersten Rettungseinsatz erlebt. Einer von ihnen ist Edouard aus Frankreich. Er arbeitete als Fischer und hat Erfahrung in der Arbeit mit Kindern mit Behinderung, er leitete Sommerprojekte für sie. An Bord wird er sechs Wochen bleiben.

„Ich bin hier, weil ich helfen wollte. Ich bin von der Idee der Organisation und ihrer Arbeit überzeugt. Es ist wichtig was hier getan wird und ich will das unterstützen. Niemand verdient es, auf See verloren zu gehen und niemanden zu haben, der hilft. Wir sind hier und erledigen einen wichtigen Job.“

Text: René Schulthoff

Übersetzung: Franziska Schneider

PHOTO CREDITS: Marco Panzetti / SOS MEDITERRANEE