Logbuch #31: Zwei in Seenot geratene Schlauchboote – ein Rettungseinsatz – 252 Menschen das Leben gerettet

Logbuch #31: Zwei in Seenot geratene Schlauchboote – ein Rettungseinsatz – 252 Menschen das Leben gerettet

Im Shelter für die Frauen auf der Aquarius kümmert sich unser SAR Teammitglied Edouard aus Frankreich um die zwei Monate alte Leyla. Sie ist unser jüngster Gast an Bord der AQUARIUS, nach einem anstrengenden Sonntag auf dem Mittelmeer. Edouard hält das klitzekleine Baby in seinen starken Armen, um es in den Schlaf zu wiegen. Währenddessen ist Leylas Mutter bei Sarah von Ärzte Ohne Grenzen für eine medizinische Untersuchung. Edouard scheint diesen Moment der Ruhe zu genießen, jetzt, wo der fast sechsstündige Rettungseinsatz vorbei ist.

Wir hatten schon erwartet, dass an diesem Sonntag nordöstlich von Tripolis/ Libyen viel los sein würde. Die Wetterbedingungen im Mittelmeer waren schlecht gewesen die letzten vier Tage. Der Wind kam von Norden an die Küste und die AQUARIUS pendelte von Westen nach Osten nach Westen… immer 25 Meilen vor der libyschen Küste, ohne dass es einen Einsatz gab. Aber das Wetter sollte sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag ändern – das wussten wir.

“Schlauchboot östlich” erklingt aus dem Lautsprecher auf der Brücke der Aquarius – es ist ca. 7 Uhr, Sonntag Morgen. Yohann, der SAR Koordinator der AQUARIUS schaut mit seinem Fernglas übers Wasser. „Und da ist noch ein zweites“, sagt er.

Zwei Schlauchboote in Not, an zwei unterschiedlichen Positionen, meilenweit auseinander. Wir müssen uns entscheiden, wo wir unseren Einsatz beginnen. Da wir das zweite Boot nicht deutlich erkennen können, entscheiden wir uns dafür, beim näheren zu beginnen. Es ist überfüllt und die Menschen sind nervös.

„Bitte bleibt ruhig“, ruft Asma, durch ihr Megafon. Sie ist auf dem Rettungsboot, dass das Schlauchboot als erstes erreicht. Ihre Aufgabe ist es, die Menschen in Not zu beruhigen und mit ihnen zu sprechen. „Wir werden euch alle retten, bitte bleibt wo ihr seid, bleibt sitzen, bewegt euch nicht. Ihr werdet alle gerettet und auf das große Schiff hinter mir gebracht“. Amsa arbeitet für unsere Partner an Bord Ärzte Ohne Grenzen. Sie spricht Englisch, Französisch und Arabisch, weswegen sie sich mit fast jedem auf den Booten verständigen kann.

Nachdem wir die 40 Frauen, 10 Kinder und auch die ca. 70 Männer auf dem Boot mit Rettungswesten versorgt haben, beginnen wir mit der Aufnahme, zuerst der Frauen und Kinder. Wir haben Glück. Der Wind hat abgenommen und das Meer ist relativ ruhig, die Wellen sind eher klein.

Das zweite Schlauchboot ist noch weit weg. Aus der Entfernung scheint es, als liege es ziemlich tief im Wasser. Das kann Verschiedenes bedeuten – unter anderem, dass Wasser ins Boot eindringt und es sinkt. Wieder müssen wir uns schnell entscheiden. Eines unserer Rettungsboote wird beim ersten Schlauchboot bleiben, und das zweite, ausgerüstet mit Rettungswesten, wird zum zweiten Boot eilen.

Zu diesem Zeitpunkt sind wir also mit der Rettung von zwei Booten an zwei unterschiedlichen Orten beschäftigt und versuchen, ca. 200-300 Menschenleben zu retten. „Die Lage im zweiten Boot ist ruhig. Das Boot ist komplett überfüllt, keine Rettungswesten, zwei Frauen an Bord, keine Kinder“, gibt Ani, unsere stellvertretende SAR-Koordinatorin aus Spanien via Handfunkgerät durch. Das sind gute Neuigkeiten, aber wir müssen uns etwas beeilen, da die Wolken am Himmel kein gutes Wetter versprechen.

Die zwei Schlauchboote sind immer noch einige Meilen voneinander entfernt. Vom ersten sind bereits 40 Personen evakuiert. Wir entscheiden uns dafür, den Motor dieses Bootes zu starten. Da keiner der Personen an Bord des Schlauchboots weiß, wie man den Motor startet, betritt unser SAR-Kollege Baptiste das Boot. „Es war recht einfach, der Motor sprang fast direkt an. Ich musste nur einen Benzinkanister tauschen, weil er halb mit Wasser gefüllt war. Als ich den neuen 20-Liter-Kanister angeschlossen hatte, ging der Motor direkt an“.

Zur gleichen Zeit hat Mary, die jüngste Kollegin unseres SAR Teams, ihre Premiere. Sie muss das Rettungsboot fahren, während Baptiste erlebt, wie man ein Schlauchboot mit Geflüchteten navigiert. Mary erledigt ihren Job gut, sie hat Erfahrung im Bootfahren.

Das erste Schlauchboot bewegt sich langsam auf das zweite Boot zu, begleitet von unserem Rettungsboot, und endlich sind beide Boote in Not an der gleichen Stelle.

Der Rettungseinsatz an diesem Sonntag dauerte mehr als 5 Stunden. Insgesamt haben wir 252 Menschen gerettet, unter denen sich einige sehr junge Kinder befanden – das jüngste ist erst acht Wochen alt. Außerdem sind fünf schwangere Frauen an Bord.

Später erzählen sie uns, dass sie vier bis fünf Tage am Strand von Libyen verbracht hatten, versteckt in Gruben und Löchern im Sand. Viele der Geretteten waren noch voll mit Sand. Die Sandkörner sind überall, in den Haaren und auf ihrer Haut, wie eingebrannt.

Leyla, unser jüngstes acht Wochen altes Baby an Bord der AQUARIUS, schläft langsam in Edouards Armen ein. Die Mutter ist froh, ihr kleines Kind mit einem Lächeln auf dem süßen Gesicht zu sehen, in den Armen unseres SAR Kollegen. In diesem Moment nimmt der Wind draußen zu, die Wellen schlagen höher und alle an Bord sind erleichtert, dass der Rettungseinsatz für 252 Menschen genau zur richtigen Zeit beendet war und alle sicher an Board unseres Schiffes sind.

Text: René Schulthoff

Übersetzung: Anna Kallage

Photo: Marco Panzetti / SOS MEDITERRANEE