Logbuch #32: Ein neues Leben & ein Wiedersehen an Bord

Logbuch #32: Ein neues Leben & ein Wiedersehen an Bord

Dienstag, 13.09.2016

Große Gefühle in den letzten Tagen auf der AQUARIUS. Es ist immer emotional, wenn wir Menschen aus ihrer Not im Mittelmeer retten. Es ist überwältigend, wenn wir in die erleichterten und dankbaren Gesichter der Geretteten blicken, die sich auf unserem Rettungsschiff wieder sicher fühlen. Es ist unglaublich, wenn sie uns ihre Geschichten erzählen. Aber die letzten Tage brachten nochmal intensivere wunderschöne Gefühle an Bord.

Ein kleiner Junge wurde am Morgen des 12. Septembers geboren, mit Hilfe unserer Hebamme Jonquil von Ärzte Ohne Grenzen – nur einige Stunden, nachdem die Mutter Faith von einem überfüllten Schlauchboot gerettet worden war, gemeinsam mit ihrem Mann Otas und ihren zwei Söhnen Victory (sieben Jahre) und Rollres (fünf Jahre).

Es war genau sieben Uhr auf der AQUARIUS, mitten auf dem Mittelmeer – und ein kleines gesundes Baby erblickte das Licht der Welt. Er wurde in internationalen Gewässern geboren. Seine Eltern kommen aus Nigeria und hatten sich zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht für einen Namen entschieden.

Im Moment befinden sich 392 Menschen an Bord, nachdem zwei Boote am Montag Morgen gerettet worden waren. Von ihnen sind 154 Personen unter 18, außerdem zehn Kinder unter fünf und nun vier Babys unter einem Jahr alt. Von den Minderjährigen sind 141 ohne Eltern oder Begleitperson unterwegs.

Faith erzählt: “Ich war sehr gestresst auf dem Schlauchboot, als ich mit den anderen Frauen und Kindern auf dem Boden saß. Ich hatte Panik, dass die Wehen endgültig einsetzen würden. Ich konnte spüren, dass sich das Kind bewegte, er bewegte sich nach unten und dann wieder nach oben. Ich hatte seit drei Tagen kleine Wehenschübe”.

Die Hebamme Jonquil brachte das Baby zur Welt. “Eine sehr normale Geburt unter diesen gefährlichen und ungewöhnlichen Umständen. Es ist erschreckend sich vorzustellen, was passiert wäre, wenn das Baby 24 Stunden eher auf die Welt gekommen wäre; im seeuntauglichen Boot, mit Benzin auf dem Boden, auf dem die Frauen saßen, eingeengt und unbeweglich, dem Meer ausgeliefert”.
Alle an Bord der AQUARIUS sind glücklich, nicht nur die beiden stolzen Eltern und die Brüder. Newman Otas geht es gut und er schläft viel.

Einige Stunden nach diesem emotionalen und tollen Moment gibt es eine Übergabe an uns von Menschen, die sich auf einem italienischen Marineschiff befinden. Sie wurden zur gleichen Zeit gerettet wie die Personen, die wir von den beiden Schlauchbooten geholt hatten – nur an einer anderen Stelle nordöstlich von Tripolis an der libyschen Küste.

Wir empfangen 139 Kinder, Frauen und Männer aus elf verschiedenen Ländern. Damit sind nun 392 Gäste an Bord. Während der Aufnahme werden eine Mutter und ihre beiden Söhne nervös. Wir spüren, dass etwas los ist. Sie hofft und erwartet etwas.

Einige Minuten später wird es klar. Wir können sehen, wie ihre Emotionen hochkommen und die Frau rennt zum Halbdeck. Mit Tränen in den Augen küsst und umarmt sie einen Mann, der mit den anderen vom Marineschiff ankommt. Es ist ihr Ehemann und der Vater ihrer beiden Söhne. Auch die beiden Jungen springen an Deck und klammern sich an die Beine ihres Vaters.

“Wir wurden irgendwo am Strand in Libyen getrennt. Ich erinnere mich nicht mehr genau. Es gab Schüsse und wir wurden gezwungen, in die Boote zu steigen. Mein Mann musste ein anderes Boot nehmen. Meine Söhne und ich mussten dann aufs andere Boot, alles passierte ganz schnell”, sagt die Mutter.

Nach schrecklichen zehn Stunden auf dem Meer in einem überfüllten Boot, nach der Rettung durch SOS MEDITERRANEE und einer Nacht an Board der AQUARIUS, ohne etwas von ihrem Liebsten zu hören, wurde die Familie hier wieder vereint.

Dieser Montag war reich an tiefen Gefühlen, Happy Endings, neuer Zukunft, Gelächter, Gesang, Gebeten, und vielen lächelnden Gesichtern hier an Board der AQUARIUS – auch von den erschöpften Teams von SOS MEDITERRANEE und Ärzte Ohne Grenzen

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Text von: René Schulthoff
Übersetzung: Anna Kallage
Foto: Marco Panzetti