Logbuch #33: Rettung unbegleiteter Minderjähriger

Logbuch #33: Rettung unbegleiteter Minderjähriger

Von René Schulthoff

Seit Februar 2016 ist SOS MEDITERRANEE auf dem Mittelmeer im Einsatz. Seitdem hat unser Search and Rescue Team 37 Rettungseinsätze durchgeführt. Über 5.000 Kinder, Frauen und Männer wurden in den vergangenen acht Monaten durch die Crew der AQUARIUS gerettet. Da wir von Zeit zu Zeit von anderen zivilen Organisationen Gerettete an Bord nehmen (sogenannte “Transfers”) und diese mit an Land bringen, haben wir inzwischen fast 8.000 Menschen an Bord versorgt.

Seit Beginn unseres Rettungseinsatzes im Februar beobachten wir eine zunehmend hohe Anzahl an Minderjährigen, die die gefährliche Überfahrt nach Europa wagen. Fast 1.200 minderjährige Männer und Frauen – einige davon noch Kinder – konnten wir in den letzten acht Monaten retten. Die Mehrheit von ihnen, mehr als 80%, sind sogar ganz ohne Begleitung eines Angehörigen unterwegs. Sie sind allein auf ihrer Reise, meist zusammen mit anderen Jugendlichen aus ihrem Herkunftsland.

Kürzlich haben wir bei einem Rettungseinsatz, 23 km nördlich von Tripoli, 252 Menschen aus Seenot geborgen. Über hundert der Geretteten waren jünger als 18 Jahre, über ein Drittel davon ohne Begleitung. Das bedeutet, dass wir an Bord immer mehr jüngeren Menschen begegnen, die aus ihren Ländern oder vor den verheerenden, unmenschlichen und gefährlichen Zuständen in Libyen fliehen.

Die Gründe für diese hohe Zahl an jungen Menschen, die aus ihren Ländern fliehen und versuchen das Mittelmeer zu überqueren sind von Land zu Land sehr unterschiedlich:

Junge Männer aus Nigeria erzählen uns immer wieder, dass sie ihr Land verlassen haben, um in anderen Ländern wie Ghana, Burkina Faso und Libyen Arbeit zu finden. Einige von ihnen haben zuvor ihre Eltern verloren und sind schlichtweg ihren Freunden in andere Länder gefolgt, um Arbeit zu finden und ihre Familien zu ernähren. Die Entscheidung nach Europa zu kommen, fällt meist erst auf der Flucht.

Flüchtende aus Eritrea bilden die drittgrößte Gruppe unter den Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Eine Gruppe von jungen Eritreer*innen, die wir an Bord nahmen, gab den willkürlichen Militärdienst als Fluchtgrund an. In Eritrea werden Männer wie Frauen mit dem Erreichen der Volljährigkeit in den Militärdienst eingezogen – der zeitlich übrigens unbegrenzt ist. Sie möchten in erster Linie dem Dienst an der Waffe entgehen. Laut Amnesty International werden viele Wehrdienstleistende nicht nur für militärische Aufgaben eingesetzt, sondern müssen darüber hinaus auch zivile Aufgaben ausführen, wie landwirtschaftliche Tätigkeiten, Bauarbeiten oder Lehrtätigkeiten.

An Bord haben uns viele junge Frauen und Männer aus Guinea berichtet, dass sie sich in ihrer Herkunftsregion mit ethnischen Konflikten konfrontiert sehen. Sie gaben an, dass ihre eigene Ethnie unterdrückt würde und sie sich deshalb entschieden haben, zu gehen. Laut eigener Aussage werden sie nicht in die Mehrheitsgesellschaft ihrer Region integriert, erfahren Diskriminierung bei der Jobsuche und haben somit große Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Andere minderjährige Flüchtende, besonders die jüngeren zwischen 10 und 14 Jahren, sind wiederum voller Hoffnung. Sie haben sich in der Hoffnung auf bessere Bildungschancen auf den Weg gemacht. Höchstwahrscheinlich ließen ihre Eltern sie zusammen mit anderen gehen – in der Hoffnung, dass zumindest einer aus ihrer Familie die Möglichkeit bekommt, im Ausland zur Schule zu gehen. Vielleicht um zu studieren und eines Tages einen Job zu bekommen.

All diese Minderjährigen stranden letztlich in Libyen, hauptsächlich um gut bezahlte Jobs zu finden. Ein Traum, der sich schnell in einen Albtraum verwandelt. Libyen ist zum Haupttransitland für Flüchtende vom afrikanischen Kontinent geworden. Während viele unter Gaddafi noch Arbeit fanden, hat sich die Lage seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs dramatisch verändert. Die grausamen Geschichten sind fast immer die gleichen. Libyen ist für viele Flüchtende eine Sackgasse, die für viele mit dem Tod endet.

Alle, mit denen wir an Bord über Libyen sprechen, berichten von der gleichen schrecklichen Realität: sie erzählen von Zwangsarbeit, von unmenschlichen Lebensbedingungen in Camps, Misshandlung, Folter und Vergewaltigung. Die meisten geben an, dass die Situation in Libyen für sie irgendwann unerträglich wurde. Dass sie deshalb auf die Boote sind und Europa auf einmal zur Option wurde. Sie sagen, es sei besser, auf dem Mittelmeer zu sterben, als in Libyen zu bleiben.

 

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René Schulthoff war im Sommer als communication officer für SOS MEDITERRANEE neun Wochen an Bord der AQUARIUS. Er lebt und arbeitet momentan in Beirut. Während seines Einsatzes an Bord führte er Gespräche mit den Geretteten, darunter zahlreichen Jugendlichen.
Photo credit: Marco Panzetti / SOS MEDITERRANEE