Logbuch #34: “Diese gelben und orangenen Farben sind wirklich nicht gut“

Logbuch #34: “Diese gelben und orangenen Farben sind wirklich nicht gut“

Unser Aufenthalt in Catania war kurz. In Catania wurden die nötigsten Dinge erledigt: Die Toiletten an Deck wurden repariert, die Ausrüstung wurde organisiert und wichtige Arbeiten wurden verrichtet. Nach einem Wochenende im Hafen stachen wir wieder in See in Richtung libysche Küste.

Allerdings war der Wetterbericht nicht sonderlich vielversprechend für diejenigen, die Misshandlung, Folter, Vergewaltigung und unmenschliche Zustände in ihren Heimatländern entflohen waren – oder Libyen.

Der Wind nahm während unserer Reise in den Süden des Mittelmeers weiter zu. Die AQUARIUS ist eine alte Dame, die fast 40 Jahre auf dem Buckel hat und diese Wellen waren definitiv nichts für sie. Sie bahnte sich ihren Weg durch die Wellen und das Schwanken war hinnehmbar; allerdings nicht für jeden an Bord. Die Seekrankheit kann selbst den erfahrensten Seefahrer treffen. Einige mussten etwas leiden, andere blieben einfach im Bett, manche mussten immer wieder an Deck rennen.

Das Search and Rescue Team von SOS MEDITERRANEE trifft sich jeden Morgen um neun Uhr, nachdem die ersten Teammitglieder ihre Schicht bereits um fünf Uhr morgens begonnen hatten. „Es ist unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten Tagen eine Rettung haben werden“ sagt Yohann, der Koordinator. „Ich habe heute Morgen um acht Uhr den Wetterbericht gecheckt und diese Bilder heruntergeladen“ sagt er und projiziert das sehr grüne Bild auf den Fernseher in seiner Kabine. Wir sind alle zusammen und sehen es uns an.

„Grün bedeutet Wellen zwischen 1 und 1,5 Meter Höhe“, erklärt Yohann. Die meisten von uns wissen das bereits. Und wir alle wissen ebenfalls, dass orange und rot ebenfalls kein gutes Wetter versprechen. „Diese gelben und roten Farben hier sind wirklich nicht gut. Der Wind wird sogar noch stärker werden und er kommt aus Norden. Das bedeutet, er weht in Richtung Küste. “Mit ihren Schlauchbooten werden sie so gut wie keine Chance haben, den Strand zu verlassen.“, erzählt Yohann.

„Wir haben morgen früh ein sehr kleines Zeitfenster.“, sagt er. Alle gehen früh ins Bett um für den nächsten Morgen fit zu sein. Um sechs Uhr morgens haben wir mehrere Kollegen auf der Brücke, die den Horizont nach Booten in Seenot absuchen. Nichts. Das Wetter ist immer noch zu schlecht, der Wind ist zu stark, die See zu unruhig. Keine Chance für diejenigen in Libyen, diese kleinen Boote zu Wasser zu lassen. Wir alle wissen, dass das für die Frauen, Kinder und Männer dort bedeutet, weiterhin versteckt zu bleiben und möglicherweise wieder misshandelt zu werden.

Tagsüber wird der Wind schwächer. Das Team bereitet Rettungswesten vor und erledigt letzte Arbeiten an den Toiletten und Duschen. Unsere Rettungsboote sind sauber und vorbereitet. Wir sitzen zusammen und besprechen, was für Ausrüstung wir für Herbst und Winter benötigen. Wir haben Bedarf für Trockenanzüge, Jacken, Segelhosen, Stiefel und so weiter. Jeder steuert seine Ideen bei und wir erstellen eine lange Liste von Dingen, die wir für unsere Rettungsarbeit in den nächsten Wochen und Monaten brauchen werden.

Dann wieder: die gleiche Prozedur wie zuvor. Der Wind wird stärker, der Wetterbericht sagt weniger Wind und weniger Wellen vorraus. Wir sind vorbereitet, gehen früh zu Bett und wachen früh auf. Aber der Wetterbericht hat sich geirrt: Es gibt keine Aussicht auf besseres Wetter. Der Wind ist sogar noch stärker geworden, die Wellen an der Küste wieder zu hoch um in See zu stechen. Nichtsdestotrotz erledigen wir unsere Arbeit wie gehabt: In Schichten suchen wir den Horizont ab, die Teammitglieder wechseln sich alle zwei Stunden ab. Wir versuchen, Schlauchboote zu finden, die die tödliche Überfahrt dennoch gewagt hatten.

Am nächsten Morgen um neun Uhr sitzen wir wieder alle zusammen, das grüne Bild unseres Wetterberichts ist noch gelber und orangener geworden und der Wind bläst immer noch aus dem Norden. Wir erwarten raue Bedingungen mit bis zu vier Meter hohen Wellen.

Wir versuchen, uns mit unseren NGO Partnern abzusprechen, um das Areal flächendeckend abzusichern. Deshalb sind wir hier: Wir wollen ein Rettungssystem aufbauen und da sein falls etwas passiert um Menschen in Seenot zu retten.

Text: René Schulthoff

Übersetzung: Friederike Rummenhohl

Photo Credits: Marco Panzetti / SOS MEDITERRANEE