Logbuch #40: „Die See zeigt nun ihr wahres Gesicht“ (Antoine, SAR Team)

Logbuch #40: „Die See zeigt nun ihr wahres Gesicht“ (Antoine, SAR Team)

Samstag, 29.10.2016


Seit zwei Tagen schon schaukelt die AQUARIUS auf dem aufgewühlten Meer. In den kommenden Stunden ist an Rettungseinsätze nicht zu denken, dazu sind die Wellen viel zu hoch. Würden 150 Menschen in einem Schlauchboot in See stechen, bedeutete das ihren sicheren Tod. Dennoch halten sich alle an Bord der AQUARIUS bereit für die Zeit nach dem Sturm. Die langen Stunden des Wartens laden zum Nachdenken ein.

Nachdem alle täglichen Arbeiten erledigt sind – die Rettungswesten weggeräumt, das Deck gereinigt, die Inventur abgeschlossen –, greift Antoine Lefebvre, Mitglied des Search-and-Rescue-Teams von SOS MEDITERRANEE zur Feder und schreibt seine Gedanken nieder.

„Der Wind streicht über tränennasse Gesichter. Die Dunkelheit ist bedrohlich, und in der Nacht kühlen die Körper rasch aus. Die Menschen in dem Boot hören nichts als das Klatschen der Wellen und das Knattern des Motors, der gegen ihr Gewicht ankämpft. Immer wieder knackt es unter ihren Füßen. Das Meer bespuckt sie. Minuten werden zu Stunden. In der Morgendämmerung erscheint hinter ihnen die Küste, vor der sie geflohen sind. In der aufgehenden Sonne leuchtet der Horizont gelb. Die Sonne blendet, aber sie wärmt auch ein wenig. In der Nacht waren sie im Schutz der Dunkelheit unterwegs, das ist jetzt vorbei. Stunde um Stunde um Stunde vergeht. Mit drei Knoten kommt das Boot nur langsam voran. Den Silhouetten von allzu vertrauten Schiffen weicht es aus. Die Kehlen der Menschen sind ausgetrocknet, ihre Kleider saugen sich mit Benzin und Salzwasser voll. Durch eine chemische Reaktion entsteht eine ätzende Flüssigkeit, die die Haut zerfrisst. Wurde die wärmende Morgensonne noch freudig begrüßt, wird die stechende Mittagssonne bald zum Feind. Die Hitze macht den Menschen zu schaffen, ihnen wird schwindelig, einige verlieren das Bewusstsein. Die Wellen türmen sich immer höher und werfen das kleine Gummiboot wie ein Spielzeug hin und her. Die See zeigt nun ihr wahres Gesicht, die Insassen sind ihr hilflos ausgeliefert. Mit jeder Welle kann die Reise zu Ende sein, in ein paar Minuten oder ein paar Stunden. Diese Menschen haben den Schleusern ihr letztes Geld gegeben. Um es zu verdienen, haben sie ihre Freiheit verkauft. Sie haben so lange von der Überfahrt übers Meer geträumt, und jetzt trachtet ihnen das Meer nach dem Leben. Das Boot schwankt bedrohlich. Sie schließen die Augen, denken, „besser ertrinken, als Sklave sein“, beten, ihre Stimmen erheben sich zum Himmel. Wo wollen sie hin? Viele von ihnen haben noch nie solche Wassermassen gesehen, sie haben Angst vor dem offenen Meer, fünf Zentimeter Holzboden trennen sie vom Tod, wenige Millimeter Gummiplane „schützen“ sie vor 300 Metern Tiefe. Sie können nicht schwimmen, tragen keine Rettungswesten, aber zu ertrinken erscheint ihnen weniger schlimm, als in Libyen zu bleiben. Alle haben einen geliebten Menschen auf der Flucht verloren, die fern vom Meer begonnen hat, in Ländern, in denen Dürre herrscht oder Häuser von Einschüssen durchlöchert sind. Und dann sehen sie plötzlich das Schiff, von dem andere erzählt haben, das Schiff, das ihnen das Leben retten wird. Wieder fließen Tränen, waschen das Meerwasser und das Benzin von den Gesichtern. Die Menschen mobilisieren ihre letzten Kräfte, stehen auf, recken die Arme in die Höhe. Nur weg von diesem schwankenden Boot. Ihr Schatten fällt auf diejenigen, die von der Hitze bewusstlos geworden sind. Die Menschen in diesem Boot wird das Mittelmeer nicht verschlucken. Das rettende Schiff nähert sich, gefolgt von einem zweiten. Ihre Silhouetten zeichnen sich vor dem flimmernden Horizont ab. Den Bug stolz erhoben, steuern die beiden Schiffe auf die entkräfteten, aber hoffnungsvollen Menschen zu, in ihrem Kielwasser den europäischen Traum. Nach Monaten der Angst und Gewalt endlich ein Silberstreif am Horizont …“

Antoine Lefebvre ist 25 Jahre alt und stammt aus Rouen im Norden Frankreichs. Er hat als Matrose auf Forschungsschiffen, auf Schiffen von NGOs und auf Touristenschiffen gearbeitet. An Bord der Aquarius ist er zum zweiten Mal. Sein erster Dienst dauerte vom 29. April bis zum 10. Juni 2016.

 

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Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Odile Kennel & Sonja Finck