Logbuch #44: „Mit 650 Menschen an Bord war alles komplizierter als sonst.“

Logbuch #44: „Mit 650 Menschen an Bord war alles komplizierter als sonst.“

Auf Einladung von SOS MEDITERRANEE berichtet die Autorin Marie Rajablat zurzeit über den Alltag an Bord der AQUARIUS, die seit vergangenem Februar mehr als 8.000 Geflüchtete aus dem Mittelmeer gerettet hat. Nun steht der Winter vor der Tür: Die AQUARIUS ist das einzige nichtstaatliche Rettungsschiff, das den ganzen Winter über ununterbrochen im Einsatz sein wird.

An jenem Abend sollten wir nach Catania zurückfahren, um das Team auszuwechseln, nötige Reparationen durchzuführen, das Schiff aufzutanken und Lebensmittel zu laden. Keiner war so richtig glücklich darüber, „leer“ zurückzufahren, nachdem in den letzten Tagen so viele Menschen aus dem Meer gerettet worden waren. Für die anderen nichtstaatlichen Rettungsschiffe steht das Ende der Saison an, und auch sie wollen nicht „leer“ heimkehren, schon gar nicht bei ihrer letzten Reise. Die meisten Menschenrechtsorganisationen müssen ihre Einsätze im Winter für drei bis vier Monate unterbrechen. Nicht etwa, weil bei schlechtem Wetter weniger Menschen die Überfahrt wagen würden, sondern weil es an den nötigen Mitteln fehlt, um weiterzumachen oder auch weil die Einsatzschiffe schlicht nicht winterfest sind. SOS MEDITERRANEE ist die einzige NGO, die in den kommenden Monaten in dieser Zone des Mittelmeers unterwegs sein wird.

Wir waren gerade dabei, etwas lustlos die Rettungswesten vom letzten Einsatz zu reinigen, als die Nachricht kam: Sechs Stunden Fahrtzeit von unserem Standort entfernt hatte die italienische Küstenwache soeben 650 Menschen gerettet, die wir an Bord nehmen sollten; das entspricht fünf bis sechs Schlauchbooten. In einem der Boote waren die Leichen von sieben Frauen gefunden worden. Da klar war, dass wir das Schiff der Küstenwache erst spät am Abend erreichen würden, vereinbarten wir, dass die Beamten der Küstenwache die Menschen mit Essen versorgen würden; auf der Aquarius könnten sie sich dann direkt schlafen legen. Einige Stunden später übernahmen wir die Geretteten bei ruhiger See. Zwei Schlauchboote fuhren zwischen den Schiffen hin und her, jedes Mal waren gut fünfzehn Personen an Bord.

Das Umschiffen ist eine heikle Angelegenheit, nicht nur bei schlechtem Wetter. Die Geretteten haben oft eine schlimme Nacht im Schlauchboot hinter sich, gefolgt von einem Tag oder sogar noch einer weiteren Nacht an Deck eines Handels-, Kriegs- oder Rettungsschiffs. Dort liegen sie zusammengepfercht auf dem harten Boden, oft bei eisigem Wind und beißender Kälte. Es gibt nur gefriergetrocknete Nahrung, die vor allem die jungen Männer nicht ausreichend sättigt. Außerdem werden die Umschiffungen oft sehr kurzfristig beschlossen, wenn die Menschen gerade anfangen, sich ein wenig zu entspannen oder gar einzuschlafen. Erschöpft und von der Überfahrt traumatisiert, müssen sie erneut ein Boot besteigen, ein Schlauchboot, das genauso aussieht wie jenes, das sie beinahe in den Tod geführt hätte. Und falls sie sich bereits aufgewärmt haben und ihre Kleider getrocknet sind, werden sie von den Wellen nun wieder durchnässt. Panik und Erschöpfung sind also wichtige Faktoren, die bei der Umschiffung bedacht werden müssen.

An diesem Abend war der Sternenhimmel wunderschön – ein krasser Kontrast zu unserer Situation. Wie sonst auch steuerte Ebenezer, ein Mitglied des Rettungsteams der Aquarius, das Schlauchboot. Ich saß dicht hinter ihm und beobachtete, wie die Menschen einer nach dem anderen ins Boot stiegen. Die ersten zehn nahmen steuerbord Platz, die nächsten zehn backbord. Ebenezer fragte, woher sie stammten. Sie kamen alle aus Ghana, wie er selbst. Diese Nachricht wühlte ihn sehr auf, was unsere Mitfahrer auch bemerkten. Von meinem Platz aus konnte ich ihre Blicke sehen. Sie schauten ihn überrascht und verwirrt an. Es war, als würden Ebenezers Schmerz, sein Mitgefühl und seine Empörung sie wieder zu Menschen werden lassen – etwas, das sie in den vergangenen Wochen und vor allem in den letzten Tagen vermutlich nicht oft empfunden hatten. In Libyen wurden ihre Menschenwürde und ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit mit Füßen getreten. Auf offener See verloren sie dann das letzte bisschen Mut. Um das alles irgendwie zu überstehen, haben sie sich eingemauert und alle Gefühle verdrängt.

Es dauerte rund drei Stunden, bis alle an Bord der Aquarius waren, und noch ein paar Stunden länger, bis alle einen Platz auf den verschiedenen Decks gefunden hatten. Mit 650 Menschen an Bord war alles komplizierter als sonst: Das Gewicht musste gleichmäßig verteilt, der Zugang zu Toiletten und Duschen geregelt, die Verpflegung verteilt werden, und das alles bei sehr beengten Verhältnissen. Wir stellten für jedes Deck eine Wache ab, jemanden, der sich um die Bedürfnisse der Menschen kümmerte, sie beruhigte und für Ruhe sorgte.

Es dauerte lange, bis alle ihren Platz gefunden hatten, es sich einigermaßen bequem gemacht hatten und eingeschlafen waren. Die Stunden auf dem Meer, die Kälte und die Todesangst steckten den Menschen noch in den Knochen. Sie lagen dicht an dicht in Decken gehüllt, so dass sich auch die kleinste Bewegung durch die Reihen fortsetzte. Einige husteten, andere hatten Bauchschmerzen, wieder andere waren seekrank. Zwischenzeitlich frischte der Wind auf, und es wurde immer kälter. Als wir Rettungsdecken verteilten, wachten alle wieder auf. Darüber regten sich manche auf. Die Decken und ein paar freundliche Worten halfen, die Menschen so weit zu beruhigen, dass sie wieder einschliefen. Einige von ihnen schwiegen und rührten sich überhaupt nicht. Wer weiß, was ihnen widerfahren ist. Gegen Mitternacht schliefen endlich alle mehr oder weniger friedlich.

Am nächsten Tag, nach einer nicht unbedingt erholsamen Nacht, erwachten die Ersten und erzählen ihre Geschichten: Zwei Cousins aus Togo, Nasir und Ahmad, berichteten von ihren schlimmen Erfahrungen in Libyen und zeigten die Narben an Beinen und Brust. Dann erzählten sie von der Überfahrt. „Wir legten am Montagmorgen im Morgengrauen ab und verloren sehr schnell jede Orientierung. Gegen acht Uhr sichteten wir das Schiff der Küstenwache und schwenkten T-Shirts, um auf uns aufmerksam zu machen. In unserem Boot waren sieben Frauen, die gestorben sind. Drei anderen Leuten ging es sehr schlecht, aber sie wurden Gott sei Dank gerettet. Den ganzen Tag lang hat die Küstenwache Menschen wie uns aus dem Meer gerettet. Heute Abend können unsere Retter glücklich schlafen gehen. Sie haben viele Leben gerettet.“

Als Nächster erzählte mir Osei aus Ghana, warum er sein Land verlassen musste: „Ich wollte nie von zu Hause weg. Ich besaß meinen eigenen Bauernhof. Ich bin dort geboren, wie schon mein Vater vor mir. Wir waren nicht besonders reich, aber ich konnte meine Familie ernähren. Jedes Jahr nach der Ernte brannte ich mein Feld nieder. Doch in diesem Jahr blies der Wind das Feuer auf das Feld eines Nachbarn. Er klagte mich an und ich wurde zu einer Strafe von 600 Dollar verurteilt. Weil ich nicht zahlen konnte, beschloss ich, in Libyen Arbeit zu suchen. Aus unserer Gegend gehen viele Männer zum Arbeiten dorthin. So wollte ich meine Schulden und die Ausbildung für meine Kinder bezahlen, damit es ihnen später einmal besser geht. Doch alles kam ganz anders. In Libyen wurde ich gefangen genommen und in einem Keller gesperrt. Ich sollte 1.500 Dollar Lösegeld zahlen. So viel Geld besaß ich nicht. Und ich kannte auch niemanden, den ich darum hätte bitten können. Schließlich gelang mir zusammen mit ein paar anderen die Flucht aus dem Keller. Mir blieb nichts Anderes übrig, als die Überfahrt zu wagen. Ich kratzte 500 Euro zusammen, weil ich nicht mehr zurückkonnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so weit von meiner Familie entfernt sein würde.“

David hatte seinen Leidensgenossen zugehört. Er sprach bestes Oxford-Englisch, und es stellte sich heraus, dass er tatsächlich Englischlehrer war. Er trug seine Decke so elegant um die Schultern gelegt, als würde er einen Tweed-Anzug tragen. Er war Nigerianer und bestätigte die Berichte von Nasir, Ahmad und Osei über die Grausamkeit der libyschen „Rebellen“. Die Flucht und die Misshandlungen, die er in Sabrata erlitten hatte, hatten ihm so sehr zugesetzt, dass er sich jetzt nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Er war vor sechs Monaten nach Libyen gekommen, um an einer Privatschule Englisch zu unterrichten. Er wurde entführt und mehrere Wochen lang eingesperrt und geschlagen. Dass er fliehen konnte, verdankt er nur einer kurzen Unaufmerksamkeit seiner Bewacher.

Während ich ihren grausamen Geschichten lausche, liefen schwangere Frauen an uns vorbei. Eine andere Frau trug Donna auf dem Arm, ein kleines Mädchen, das gerade mal vier Wochen alt war. Der Tag ging vorbei, während die einen erzählten und die anderen zuhörten. Dann kam der Abend und eine weitere Nacht. Am Morgen betraten all diese Menschen dann zum ersten Mal europäischen Boden.

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Die Schilderungen beruhen auf den subjektiven Erfahrungen der Autorin.

Text: Marie Rajablat
Übersetzung aus dem Französischen: Sonja Finck, Odile Kennel und Helge Wendt
Fotos: Susanne Friedel