Logbuch #47: Der erste Tag auf See ist Übungstag

Logbuch #47: Der erste Tag auf See ist Übungstag

Der Zeitplan für den ersten Tag auf See auf der Aquarius, nachdem wir den Hafen verlassen haben, ist immer voll. Wir nennen ihn den „Übungstag“, da wir an diesem Tag viel zu erledigen haben und die Rettungsfähigkeiten und -kenntnisse des ganzen Teams auffrischen müssen.

Ein typischer Tag beginnt mit dem ersten Briefing des Search and Rescue Teams von SOS MEDITERRANEE um neun Uhr. Wir treffen uns, um uns auf den neuesten Stand der Wettervorhersage zu bringen: Windstärke und –richtung, Wellenhöhe und Seegang vor der libyschen Küste.

Wir überprüfen mehrere Wetterberichte, um ein klares Bild zu bekommen darüber, was wir in den nächsten Tagen zu erwarten haben. Besonders die Vorhersage über den Wellengang direkt an der Küste kann ein guter Hinweis sein, ob Boote in See stechen können oder nicht; und das heißt, ob wir mit einer Rettung rechnen müssen oder nicht.

Der sogenannte „Übungstag“ ist bedeutend für alle Teams an Bord, sowohl für SOS MEDITERRANEE als auch für unseren Partner Medécins Sans Frontiers (MSF). Eines der wichtigsten Meetings ist das Sicherheitseinführungstraining. Es gibt verschiedene Sicherheitsmaßnahmen auf der Aquarius, da unsere höchste Priorität neben der Rettung von Flüchtlingen, die Sicherheit unserer Crew ist. Jeder muss wissen, was im Falle eines Notfalls zu tun ist. Es ist unerlässlich, dass jeder einzelne alle Vorgehensweisen kennt.
„Wenn die Sirene einmal kurz und einmal lang ertönt, ist das das Signal für die Evakuierung des Schiffs“, erklärt Alexander, der Kapitän, der schon seit mehreren Jahren auf der  Aquarius fährt. „Wenn ihr dieses Signal hört, dann ist etwas passiert und ihr müsst das Schiff verlassen. Ihr müsst zum Treffpunkt kommen und den Anweisungen folgen. Wir werden das im Anschluss an dieses Meeting üben.“

Einige Minuten später erklingt die Sirene und alle Teammitglieder eilen zum vereinbarten Treffpunkt auf der Aquarius. Der erste Maat, Oleksandr, überprüft, dass alle vollzählig sind und ihre Rettungswesten tragen. „Checkt bitte das Notfalllicht an eurer Weste“ sagt er. „Es sollte automatisch aufleuchten, wenn die Weste in Kontakt mit Wasser kommt.“

Wir müssen außerdem versuchen, den Überlebensschutzanzug anzuziehen. Er ähnelt einem Tauchanzug und schützt den Körper im Wasser vor Kälte. Es dauert etwas, um reinzukommen, aber in einem Notfall hat jeder nur drei Minuten Zeit dafür, bevor das Schiff evakuiert werden muss.

Unser Partner MSF ist hochspezialisiert auf medizinische Unterstützung an Bord. Der Krankenpfleger Mike erklärt, was die Aktivierung des Notfallplans für eine Großzahl von Verletzten bedeutet. „Wenn es mehr als einen Verletzten gibt, werden wir diesen Plan auslösen. Das heißt, dass wir die Hilfe von jedem einzelnen an Bord benötigen.“ In den nächsten zwei Stunden lernen wir, wer was tun muss, um das Ärzteteam von MSF bestmöglich zu unterstützen. Obwohl jeder an Bord der Aquarius Erste-Hilfe-Kenntnisse hat, üben wir Herz-Lungen-Reanimation und Mund-zu-Mund-Beatmung.

Jeder übt die Technik an einem Dummy: 2x Beatmung, 30x Herzdruckmassage, 2x Beatmung, 30x Herzdruckmassage…und so weiter. „Ihr werdet überrascht sein, wie schnell der Rhythmus hierfür sein muss. 120 Kompressionen pro Minute. Wenn ihr nicht wisst, wie schnell das ist, könnt ihr euch das mit dem Lied „Stayin‘ Alive“ merken. Es hat genau das Tempo, das ihr braucht“ sagt Dr. Sarah von MSF.

Nach einer kurzen Mittagspause warten auch schon die nächsten Übungen. Wir stoppen das Schiff, da das Search and Rescue Team von SOS MEDITERRANEE die Benutzung der Rettungsboote, RHIB-one und RHIB-two, proben muss. Die beiden SAR Koordinatoren Ani und Yohann sind zuständig für diese Übung, Ani auf dem Wasser, Yohann auf der Aquarius.

„Zuerst lassen wir die beiden RHIBs zu Wasser, die Teams sind wie folgt: Max, Tonguy, Edouard und ich auf RHIB-one, Tony, Mary und Asma auf RHIB-two. „Als erstes üben wir „Mann über Bord“: die Person lokalisieren, sichern, zum Schiff zurückbringen und mit Hilfe einer Trage an Bord holen“ sagt Ani und die Übung beginnt.

Zwei Stunden dauert die Übung, das gesamte SAR Team probt den Ablauf immer und immer wieder. Weiterhin werden die Benutzung von Rettungsbojen und RHIBS sowie die Anfahrt an ein anderes Boot geprobt. Auch die Journalisten auf der Aquarius können teilnehmen und lernen, sich auf den RHIBS richtig zu verhalten.

Nach der Übung werden die RHIBS an Bord zurückgeholt, die gesamte Ausrüstung wird sauber gemacht und für die echte Rettung vorbereitet, die jederzeit passieren kann.

Der Abend ist weniger stressig: Wir essen alle gemeinsam an Deck zu Abend. In diesen zwei Stunden lernen wir uns gegenseitig und die neuen Teammitglieder besser kennen. Jedem an Bord ist bewusst, dass bereits am nächsten Morgen eine Rettung sein könnte. Aber jetzt kennt jeder die notwendigen Abläufe, um im Mittelmeer Leben retten zu können.

Text: Réne Schulthoff
Übersetzung: Friederike Rummenhohl