Logbuch #48: Der Notruf

Logbuch #48: Der Notruf

Notruf von der SAR-Leitstelle Rom

Die Nacht hat uns in süße Träume gewiegt, der neue Morgen ist schön. Das Meer ist ruhig; es gibt keine Wellen, nur leichten Wind. Die Sonne geht hinter dunklen Wolken auf, doch Richtung Süden ist der Himmel blau.

In der Nacht haben wir Malta passiert. Nun befinden wir uns ca. 90 Meilen von der libyschen Küste entfernt und der Rettungszone wo wir nach Booten und Menschen Ausschau halten, die aus Verzweiflung und Gefahr gerettet werden müssen. Um zehn Uhr heute Morgen traf sich die ganzen Team von SOS MEDITERRANEE und MSF am Achterdeck um die Rettungsboote ins Wasser zu lassen. Doch dann erreicht ein Notruf die AQUARIUS.

“Vor einigen Minuten sprach der Kapitän mit dem Mediterranean Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom”, berichtet SAR Koordinator Yohann. “Sie haben einen Notruf von einem Schlauchboot erhalten, es sind ca. 150 Menschen an Bord. Das Schlauchboot befindet sich in der östlichen Rettungszone. Wir werden so schnell wie möglich in diese Richtung fahren”, beendet er die Meldung.

Die AQUARIUS ist momentan das einzige Rettungsschiff in der unmittelbaren Nähe des Schlauchboots, aber die Distanz ist noch sehr groß. Selbst bei voller Geschwindigkeit werden wir acht bis neun Stunden brauchen, um das Schlauchboot zu erreichen. Wir starten den dritten Motor der AQUARIUS in der Hoffnung, dass wir die Menschen in Not noch rechtzeitig erreichen.

MRCC erhielt den Notruf des Schlauchboots heute Morgen. Oft befindet sich ein Satellitentelefon an Bord der Schlauchboote. Mithilfe der Koordinaten des Satelliten gelang es MRCC die Position des Schlauchboots zu bestimmen.

An Bord der AQUARIUS bereiten wir die Rettung vor. Das Ärtzte-Team von MSF erläutert die Ausrüstung und den Ablauf für den Fall, dass es massenhaft Verletzte geben wird. Erneut proben wir für den Fall, dass bewusstlose Personen gerettet und am Leben gehalten werden müssen.

In diesem Augenblick nehmen wir mit voller Geschwindigkeit Kurs Richtung Süden. Wir hoffen, dass wir das Schlauchboot am frühen Abend erreichen, um die Menschen an Bord zu retten.

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Text: René Schulthoff
Übersetzung: Charlotte Bolwin
Photo: Kevin McElvaney