Logbuch #52: Erster Einsatz in 2017 – 114 Gerettete

Logbuch #52: Erster Einsatz in 2017 – 114 Gerettete

02. Januar 2016


Offiziell nennt das Rettungskoordinationszentrum in Rom (MRCC) diese Rettung um 4 Uhr morgens in Libyen „SARcase001“, was den Search and Rescue Fall Nummer 1 bedeutet. Es ist tatsächlich die erste Rettung im Mittelmeer vor Libyen in diesem neuen Jahr 2017 – und es zeigt, dass die Tragödie sich fortsetzt.

Die Crew der Aquarius hat das Schlauchboot heute Morgen gegen 3.45 Uhr auf dem Radar gesichtet. Nur ein paar Minuten später klopft es an meine Tür, dann klingelt das Telefon. „Es ist 4 Uhr, guten Morgen Rene. Wir haben ein Schlauchboot gesichtet“, sagt Yohann, der Rettungskoordinator.

Wie immer dauert es nur ein paar Minuten bis unser 11-köpfiges SAR Team bereit ist: voll ausgerüstet, Rettungsweste, Schutzhelm. Um 4.20 Uhr ist das erste Rettungsboot im Wasser. „Es sieht so aus, als wäre das Schlauchboot in einem guten Zustand, aber wir fangen mit unserem kleinen Rettungsboot Nummer 2 an um die Situation zunächst einzuschätzen“, sagt Nicola, der stellvertretende Rettungskoordinator.

Ein paar Minuten später kriegen wir einen Funkspruch von Simon von Boot Nummer 2: „Es sind Frauen an Bord. Und hier ist ein kleines Kind. Sonst hauptsächlich Männer. Sie sprechen französisch. Es ist noch kein Wasser im Inneren des Bootes und zurzeit sind alle ruhig.“

Es dauert noch einmal 20 Minuten, bis die Rettungswesten an alle Personen auf dem überfüllten Schlauchboot verteilt sind. Das erste Shuttle bringt alle Frauen, das kleine Kind und ein paar Männer zur Aquarius. Unser Team an Bord wartet auf die geretteten Menschen, begrüßt sie und hilft ihnen die Rettungswesten abzulegen. Die Frauen werden in den Schutzraum im Inneren der Aquarius geführt, und die Männer bleiben auf dem Achterdeck.

Nachdem die Geretteten die Aquarius betreten haben, werden sie zügig registriert. Das machen unsere Partner von Ärzte ohne Grenzen. Wir erfahren das Alter und das Herkunftsland der Menschen. Weiterhin bekommen wir einen ersten Eindruck von den minderjährigen Reisenden und welche von ihnen sogar ganz alleine unterwegs sind. Wir möchten diese Dinge wissen, um den besonders schutzbedürftigen Menschen mehr Sicherheit an Bord bieten zu können, aber auch für die spätere Zeit, wenn sie von Bord gehen.

Die ersten Männer sind auf dem Achterdeck und sehr erleichtert, sie lächeln und singen bereits, sie rufen „Merci, Merci, Merci!“. Die meisten von ihnen kommen aus dem Senegal und Guinea Conakry aber auch aus Uganda, Mali und von der Elfenbeinküste. Die meisten sprechen französisch.

Nach einer Stunde sind alle 114 Personen aus dem Schlauchboot evakuiert und sicher an Bord der Aquarius. Es ist jetzt 5.30 Uhr und das Rettungsteam wird das Schlauchboot mit einigen Informationen über die Rettung versehen: Datum, Zeit und Ort. Dann wird das Gummi zerstört und eine Probe aus dem Plastik genommen um einen neuen Eindruck von der Qualität des Schlauchboots zu bekommen.*

Während die Aquarius ihren ersten Einsatz im Jahr 2017 beendet, sind unsere Kolleg*innen des Rettungsschiffs „Golfo Azurro“, von der Organisation Proactiva Open Arms auf der Suche nach einem weiteren Schlauchboot in Not, das in derselben Umgebung gemeldet wurde.

Die geretteten Personen haben uns erzählt, dass sie heute Nacht so gegen Mitternacht aufgebrochen sind. Also waren sie vier Stunden lang auf dem Meer. Sie sagten, da wäre noch ein anderes Boot, das die Küste Libyens verlassen hätte“, sagt Aali, unser Dolmetscher, der mit den Geretteten spricht.

Die Aquarius bleibt in der westlichen Rettungszone und überwacht das Meer. Die Wetterverhältnisse sind gut, die Wellen sind klein und der Wind schwach. Es wäre möglich, dass noch mehr Boote die libysche Küste verlassen haben. Für die Aquarius beginnt das neue Jahr wie das alte geendet hat: Wir sind weiterhin vor Ort, um auf dem Mittelmeer Leben zu retten.

 

*Das geschieht, da das leere Schlauchboot bei künftigen Sucheinsätzen fälschlicherweise als voll besetztes Boot gehalten werden könnte und wertvolle Zeit kosten würde, die an anderer Stelle benötigt wird. Am Horizont lässt sich mittels Fernglas nicht erkennen, ob ein intaktes Boot besetzt ist oder nicht.

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Text: René Schulthoff
Übersetzung: Ilona Rüsch
Photo: Kevin McElvaney