Logbuch #53: Warten auf den Sturm

Logbuch #53: Warten auf den Sturm

Als Kind (und bis heute) liebte ich Weihnachten. Die Stimmung, die Gerüche, das Zusammensein mit der Familie, die Geschenke (die Bescherung, wie es bei uns immer hieß). Doch besonders in Erinnerung geblieben, sind mir die Stunden davor. Während meine Eltern das Weihnachtszimmer vorbereiteten (Weihnachtsbaum, Essen, Geschenke usw.), mussten mein Bruder und ich immer draußen warten. Erst wenn mein Vater die Weihnachtsglocke läutete, durften wir hereinkommen. Was uns danach erwartete konnten wir stets erahnen, aber dennoch waren die letzten Stunden vor der Bescherung immer besonders angespannt, erfüllt von Vorfreude und banger Erwartung.

Dieses Weihnachten war es eine andere Spannung. Nach gut einem Monat an Bord habe ich bereits 9 Rettungseinsätze mit SOS MEDITERANEE hinter mir, gemeinsam haben wir über 1.000 Menschen aus Seenot vor Libyen gerettet. Besonders nervenaufreibend sind jedoch nicht die Einsätze. Sicher, sie sind anstrengend und erfordern neben vollem körperlichem Einsatz auch ein Höchstmaß an Konzentration. Auf Dauer jedoch mindestens genauso kräftezehrend sind die Stunden davor. Die bange Erwartung auf das was kommt. Da steigen mir die Gerüche der vorherigen Rettungen in die Nase. Eine Mischung aus Benzin, Schweiß, Kotze, Urin und sonstigen Körperausscheidungen. Das Gefühl eiskalter Hände und Körper, die wir auf unsere Aquarius ziehen und drücken. Und nicht zuletzt die verzweifelten, ausgezehrten Gesichter, immer mit einem letzten Funken Hoffnung in den Augen. Die Stunden des Wartens, die sich schlimmstenfalls zu Tagen ausdehnen, sind grausam. Es kommen die ganzen Eindrücke der vergangenen Einsätze an die Oberfläche der Wahrnehmung, die Gesichter der Toten und der Geretteten tauchen vor meinem inneren Auge auf, ich meine die Gerüche direkt wieder in meiner Nase zu spüren, die Hände auf meiner Haut zu fühlen. Was wird uns im bevorstehenden Einsatz erwarten? Wie wird die Wetterlage sich darstellen, werden die Wellen wieder so hoch sein wie letztes Mal? Wie lange werden die Flüchtlinge auf See gewesen sein bevor wir sie erreichen, werden wir sie rechtzeitig finden? Hunderte Fragen und Tausende Eindrücke jagen mir in diesen Stunden durch den Kopf, und es gibt nichts was ich tun kann. Zum zehnten Mal meine Ausrüstung kontrollieren, zum fünften Mal mit meinen Kollegen den letzten Einsatz durchkauen, Verbesserungen besprechen? Warten. Warten und hoffen, dass wir auch im kommenden Einsatz rechtzeitig zur Stelle sein werden. Denn wir sind die letzte Hoffnung für diese Menschen.

Gestern Abend haben wir in der Messe eine BBC Dokumentation zum Menschenhandel und dem Schlepperwesen in Libyen angeschaut. Der Journalist und Haudegen Ross Kemp schlägt sich durch ein vom Bürgerkrieg zerrissenes Land, in dem zahllose Milizen um die Vorherrschaft kämpfen. Mitten drin tausende Flüchtlinge, die dort vollkommen ohne Rechte als moderne Sklaven gehandelt werden. Sie arbeiten Monate, viele sogar Jahre, unter vollkommen menschenunwürdigen Bedingungen. Männer werden misshandelt und geschlagen, Frauen vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Viele sterben bereits auf der Reise durch die Sahara, die anderen erwartet ein endloses Martyrium in Libyen, bevor sie mit viel Glück endlich die vollkommen seeuntüchtigen Schlauchboote besteigen dürfen. Dass sie überhaupt noch diesen Funken Hoffnung und Überlebenswillen in sich tragen, ist beeindruckend. Aber auch wenn ich an der Lage in Libyen gerade nichts ändern kann, wenigstens kann ich hier auf dem Meer das Leben derer retten, die so viel Glück und Kämpfergeist hatten, es bis an die Strände Libyens zu schaffen, um schließlich diese lebensgefährliche Reise auf dem Mittelmeer anzutreten.
Und doch bleibt uns auf der Aquarius nichts weiter übrig als zu warten. Warten und über diese grausame Realität nachzudenken, die so vielen zu Hause vollkommen fremd ist. Bis der nächste Einsatz kommt.

Text: Andreas Pohl, SAR-Mitglied