Logbuch #50: Weihnachten an Bord – Truthahn, Seekrankheit und eine Rettung

Logbuch #50: Weihnachten an Bord – Truthahn, Seekrankheit und eine Rettung

Weihnachten an Bord der AQUARIUS

Es war unser ganz eigenes Weihnachtsgeschenk, als wir am 22. Dezember ein Schlauchboot fanden und 112 Kinder, Frauen und Männer retten konnten. Es war dunkel und regnerisch, ein Rettungseinsatz unter schwierigsten Bedingungen: hohe Wellen, starker Regen und komplette Dunkelheit. “Das war fast unsere Grenze,“ sagt Nicola unsere stellvertretende SAR- Koordinatorin nach der Rettung. Wären die Wellen nur ein kleines Stückchen höher, könnten wir unsere Beiboote nicht mehr benutzen. Wir hatten Glück, sie hatten Glück, dass alles gut verlaufen ist.“

Ja, diese Menschen hatten großes Glück und waren sehr erschöpft. Sie hatten den ganzen Tag auf dem Schlauchboot verbracht. Unvorstellbar wie sie sich gefühlt haben, ganz alleine, mitten auf See in kompletter Dunkelheit – Horror. Selbst für unsere Teams, mit ihren Rettungswesten, Ausrüstung und Lichtern ist es schwer in absoluter Dunkelheit auf dem Wasser zu sein.

Also war diese Rettung eine Art Weihnachtsgeschenk. Nur ein kleines, da nach unserer Rettung noch drei weitere Boote als vermisst galten. Wir versuchten die ganze Nacht die Boote zu finden, hatten allerdings keinen Erfolg. Das bedeutet, das in dieser Nacht wahrscheinlich mehrere hundert Menschen ertrunken sind. Daran müssen wir stets denken und es macht uns traurig und sauer zugleich. Seht ihr, es ist hier stets ein Wechselbad der Gefühle, nicht nur an Weihnachten.

Auf der  darauffolgenden Nacht und am Tag sind alle wieder unglaublich beschäftigt. Wir müssen für unsere Gäste an Bord präsent sein, sicher stellen, dass alles ruhig bleibt, ein Auge darauf haben, dass es allen gut geht, Tabletten gegen Seekrankheit, das Deck von den Ergebnissen einer ganzen Menge Seekrankheit säubern, Toiletten müssen geputzt und die Wasserspender wieder aufgefüllt werden. Frühstück und Abendessen werden vorbereitet, und so weiter und so fort…

In der darauffolgenden Nacht, werden die 112 Kinder, Männer und Frauen an zwei andere Schiffe übergeben. Früh morgens um 3:30 kommen zwei Schnellboote der italienischen Küstenwache um uns irgendwo zwischen Lampedusa und Malta anzutreffen. Nach zwei Stunden auf unruhiger See, haben alle ihren Platz auf einem der zwei Boote gefunden und wurden sicher nach Pozzallo auf Sizilien gebracht.

An Bord kann unser Team sich endlich gegen 6 Uhr morgens ausruhen. Es ist bereits der 24.12.16 – Weihnachten. Während die meisten Menschen in Europe und auf der Welt ihre letzten Einkäufe erledigen und das Essen für den Abend vorbereiten, ein nettes Essen mit der Familie oder Freunden, räumen wir gemeinsam das Deck auf. Eine normale Prozedur nachdem wir hunderte von Menschen an Bord hatten. Toiletten müssen ausgeleert und aufgestockt werden. Mülleimer werden geleert und die Rettungspakete für die nächste Rettung vorbereitet.

Die Arbeit findet endlich um 16Uhr Nachmittags ein Ende. Alle haben Zeit sich auszuruhen während wir zurück in die Rettungszone fahren. In weniger als 8 Stunden werden wir wieder vor Libyen sein und wir bereiten uns auf eine mögliche Rettung in der Weihnachtsnacht vor.

Aber erst haben unsere beiden Köche an Bord ein besonderes Weihnachtsessen für uns vorbereitet. Es wird keine Geschenke oder Wein geben, aber wir alle werden etwas Zeit miteinander verbringen. Die Messe ist mit Weihnachtssternen und Lichterketten dekoriert, wir haben sogar einen kleinen Weihnachtsbaum. Heute Abend gibt es Truthahn, Meeresfrüchte und leckeres Rind. Unsere Feier dauert eine Stunde; die meisten sind ganz einfach müde.

So sieht Weihnachten auf der AQUARIUS aus, gemeinsam mit engagierten Rettern und Medizinern von MSF – wir hatten einen netten Abend, ganz anders als zu Hause, aber auch auf seine Art wunderbar. Und bald werden wir unsere Geschenke austauschen. Jeder hat ein kleines Geschenk für eine Person besorgt – es heißt Secret Santa – da niemand weiß von wem er ein Geschenk erhalten wird.

Wir werden auch unser zweites Weihnachten haben, ein wenig mehr Feiern, je nachdem wann wir wieder einen Hafen erreichen.

 

Text: René Schulthoff

Übersetzung: Lea Main- Klingst