Logbuch #80: Alessandro

Logbuch #80: Alessandro

Ich bin in Turin, Italien geboren und aufgewachsen, lebe aber seit vier Jahren mit meiner Katze Leone im schönen Ligurien. Ich komme vom italienischen Militär. Während meiner Unizeit verpasste ich eine Frist, um den Wehrdienst zu verschieben. So kam ich zum Militär, wo ich letztendlich fünf Jahre lang blieb und auch Teil einer Spezialeinheit wurde. Ich wurde im Wasser, in der Luft, auf Langstrecken-Patrouillen und in Ländern wie dem Libanon eingesetzt. Nach dem Ende meiner Zeit beim Militär habe ich mich dazu entschieden, meinen Lebenstraum zu verwirklichen, auf See zu arbeiten. Jetzt bin ich im Rettungsteam von SOS MEDITERRANEE.

 

Der Traum vom Meer

Die Faszination für das Meer begleitete mich seit meiner Kindheit: Mit meinen Großeltern väterlicherseits bin ich immer an die Adria in den Urlaub gefahren. Wir haben wunderschöne Sommertage beim Baden verbracht und ich habe es geliebt, mit improvisierten Ruten zu angeln und Netze zu reparieren.

Allerdings gab es ein großes Tabu bei meinen Großeltern: Segeln. Als ich fünf Jahre alt war, sind meine Eltern bei einem Segelunfall ums Leben gekommen. Sie ertranken nach einer Kollision beim Segeln. Mich hat ihr Tod allerdings nie abgehalten; im Gegenteil, ich wusste immer, dass es nicht die Schuld des Meeres war, dass meine Eltern starben. Meine allgemeine Faszination für die See und ganz besonders für das Segeln ist immer mehr gewachsen. Und damit auch die Befürchtungen meines Großvaters, dessen Sorge immer war: „Du wirst genauso enden wie deine Eltern.“

Und einmal, da hatte er fast Recht. Als ich 14 war, brachte mich mein großer Wunsch zu segeln dazu, Geld zu sparen und Segelstunden zu nehmen. Kurz danach habe ich meinen Sommer als Segellehrer in Senigallia verbracht, einer Hafenstadt an der Adria. Und eines Tages, ich war 15 oder 16, war ich mit meinem Onkel und meinem kleinen Bruder gerade auf einer Segeljacht, als starke Winde unser Boot zum Kentern brachten und es begann unterzugehen. Mein kleiner Bruder schrie vor Angst, mein Onkel war in einem Schockzustand, in Panik, ohne Zweifel dachte er, dass das Schicksal seines Bruders nun auch das unsere werden würde. Dann, aus dem Nichts, kam ein Schnellboot. Sie hatten unsere Jacht gesehen – ein weißer Punkt am Horizont, der in den Wellen auf und ab schwamm. Wir wurden gerettet und in Sicherheit gebracht.

Diese unvergesslichen, frühen Ereignisse haben mein Bewusstsein mit Blick auf den Tod auf See geschärft – was ich für die verantwortungsvolle Seefahrerei als unbezahlbar empfinde. Das hat letztlich in mir auch den aufkeimenden Wunsch danach geweckt, in der Seenotrettung aktiv zu werden.

 

Die Rückkehr aufs Meer

Mein Kindheitstraum, Kapitän zu werden hat, mich immer begleitet und nachdem ich das Militär verlassen habe, war mir klar, dass ich diesen nun erfüllen würde. Ich habe dann angefangen, eine Abendschule zu besuchen, habe meine Kapitäns-Lizenz für Jachten bekommen und bald schon wurde ich angeheuert, eine Jacht von Sardinien nach Venedig zu überführen. Das war ein perfekter Start für mich, da ich die Lagune Venedigs aus meinen Militär-Zeiten wie meine Westentasche kannte, mit all ihren Gezeiten, Tiefen und Strömungen. Nach diesem ersten Schritt in den nautischen Berufen habe ich mehr als sechs Jahre als Jachtkapitän gearbeitet und von Ancona aus verschiedenste Orte am Mittelmeer angefahren, bis nach Kroatien und Griechenland.

So viel ich das Segeln auch liebte, spürte ich dennoch, dass irgendetwas fehlte. Es war der Sinn dahinter. Das unverhohlene Fehlen von Umweltbewusstsein und Respekt für die See, das ich bei meinen Gästen auf den Luxusjachten erleben musste, wurde für mich unaushaltbar. Das veranlasste mich schließlich dazu, bei einer Naturschutz-NGO anzufangen, zu der ich nach meiner derzeitigen halbjährigen Pause auch zurückkehren werde.

Es war während eines gemeinsamen Einsatzes dieser NGO und zwei humanitärer NGOs im Mittelmeer, als ich die Idee bekam, mich selbst in der Suche und Rettung von schiffbrüchigen Migrant*innen zu engagieren. Ich habe den akuten Bedarf an zivilen Rettungseinheiten im Mittelmeer selbst erlebt und wusste, dass ich etwas tun musste. Als ich auf SOS MEDITERRANEE gestoßen bin, konnte ich mich komplett mit der Vision der Organisation identifizieren und ich wusste, dass ich hier etwas gefunden hatte, was ich unbedingt machen wollte. Am Ende des Tages, wenn alles gesagt und getan ist, gibt es dann etwas wertvolleres, als Leben zu retten?


Erlebnisse von der Aquarius

Mein erster Rettungseinsatz war ein kritischer – ein Einsatz, der mit vielen Verlusten hätte enden können. Als zwei unserer Schnellboote bereits unterwegs waren, um Menschen von einem untergehenden Gummiboot zu retten, wurde ein drittes zu Wasser gelassen, um einen medizinischen Notfall von einem Fischerboot zu transferieren, das bereits einige der Schiffbrüchigen gerettet hatte. Ich habe dieses dritte Boot gesteuert. Der Mann, um den es ging, war fast ertrunken, er war stark unterkühlt, sein Körper und Kiefer zitterten unkontrollierbar. Es war eine schwierige Situation, da das Fischerboot keine Leiter hatte und wir somit nichts hatten, um den Mann sicher auf unser Boot herunterzulassen. Ein Glück war er mit seinen letzten Kräften noch dazu fähig, mit uns zusammenzuarbeiten. Der Arzt auf unserem Boot reagierte sofort und der Patient hat die notwendige medizinische Versorgung auf der Aquarius bekommen. In diesem Einsatz konnten wir 110 Leben retten. Dieses Erlebnis bedeutet mir sehr viel.

Seitdem ich dabei bin, bin ich tief beeindruckt von der Crew auf der Aquarius. Sie sind zutiefst, durch und durch, human und leidenschaftlich humanitär. Professionell und trotzdem hochgradig bescheiden. Ich bin überzeugt, dass man diese Art von Bescheidenheit vom Meer lernt. Es ist einfach so stark, so unvorhersehbar, so gnadenlos. Und genauso wenig, wie wir es schaffen können, die See zu bezwingen, genauso wenig können wir die Welt verändern. Aber wir können trotzdem alle unseren kleinen Beitrag dazu leisten. Jede*r auf der Aquarius gibt ihr*sein Bestes, um Leben zu retten. Jede*r von uns gibt einen klitzekleinen Tropfen und letztendlich schaffen wir es, das Glas damit zu füllen. Nur ein kleiner Tropfen – nicht mehr und nicht weniger. Aber das Glas füllt sich.

Interview und Text: Hanna Krebs

Übersetzung aus dem Englischen: Siobhan Kaltenbacher

Foto: Yann Levy / SOS MEDITERRANEE