Logbucheintrag #10: „Ich hasse Montage“

Logbucheintrag #10: „Ich hasse Montage“

von Jean-Paul Mari // 09.03.2016

 

Als wir ihn an Bord hieven, ist er durchnässt und erschöpft. Er zittert vor Kälte. Einer von uns zieht ihm seine billige Nylonjacke aus und wickelt ihn in eine Decke. Unter seiner Jacke trägt er ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Ich hasse Montage“.

J'aime pas le lundiAssiz, Guinea

Ich schaue auf die Uhr: Es ist Montag, der 7. März, 6 Uhr 40 in der Früh. Die völlig übermüdeten Flüchtlinge, die wir an Bord genommen haben, schlafen ein, den Kopf in ein Handtuch gewickelt. Hin und wieder wacht jemand auf und fragt nach Wasser, etwas zu essen oder einer Aspirin. Assiz hat sein T-Shirt zum Trocknen ausgebreitet. Die Aufschrift „Ich hasse Montage“ leuchtet in der Sonne.

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Sein nackter Oberkörper ist ausgemergelt. Er ist seit sieben Jahren auf der Flucht: Aus seiner Heimat Guinea floh er erst in den Senegal, dann nach Mauretanien, Marokko, Algerien, Tunesien und schließlich nach Libyen. Er pendelte zwischen den Ländern hin und her, fand Arbeit in der Landwirtschaft oder wurde von der Polizei ausgewiesen. Er war 18 Jahre, als er aufbrach, heute ist er 25. Assiz hat überlebt. Er hat so ziemlich alles durchgemacht.

Auch in Libyen. Bei Erwähnung dieses Landes erlischt sein jugendliches Lächeln. Er erzählt von Rassismus, davon, dass fast jeder eine Waffe trägt, dass er bespuckt, geschlagen, erpresst wurde. Kinder bedrohten ihn mit dem Messer und riefen: „Her mit deinem Geld, dreckiger N****!“ Die umstehenden Alten lächelten wohlwollend.

Dann gibt es in Libyen sogenannte „Folterhäuser“. Assiz wird entführt, weiterverkauft, ausgepeitscht, gefoltert. Er bekommt nichts zu essen. Man hält ihm ein Handy hin, er soll seine Familie anrufen und Lösegeld verlangen. Wie gut, dass sein Dorf kein Telefon und seine Mutter keinen Cent hat. Assiz war so gut wie tot. Eines Morgens wacht er auf, Körper und Gesicht von Narben übersät, umgeben von den Leichen derjenigen, die nicht schnell genug zahlen konnten. Nach drei Monaten Gefangenschaft gelingt ihm die Flucht. Er versteckt sich, schafft es, 800 Euro für einen „Schlepper“ aufzutreiben. Dieser nimmt die Scheine und verschwindet. Er kratzt das Geld für einen zweiten Versuch zusammen und steht eines Tages barfuß am Strand in der Nähe von Tripolis.

Der libysche „Schlepper“ zeigt ihm das Schlauchboot, das vor der Küste auf dem Wasser dümpelt. Es sieht aus wie ein Strandspielzeug und ist eigentlich nicht hochseetauglich. Die Flüchtlinge können nicht schwimmen. Sie waten ins Wasser, klammern sich am Boot fest, prügeln sich, manche gehen unter. „Zwei oder drei Leute sind in jener Nacht ertrunken“, erzählt Assiz. Diejenigen, die es ins Boot schaffen, können nicht einmal ihre müden Glieder ausstrecken. Der Boden des Schlauchboots besteht aus Brettern, aus denen lange Nägel ragen – mit der Spitze nach oben. Wie bei dem Nagelbrett eines Fakirs.

Im Morgengrauen weicht die Luft aus dem Schlauchboot. In der Gummiwand klafft ein Loch. Zum Glück ist die Aquarius rechtzeitig zur Stelle. Assiz zieht sein weißes T-Shirt wieder an: „Ich hasse Montage“. Kurz vor der Einfahrt in den Hafen von Lampedusa lächelt er zum ersten Mal wieder: „Ich fühle mich wie neugeboren.“ Ich muss an Donald Tusk denken, den EU-Ratspräsidenten, der kürzlich verkündet hat, dass keine sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“ mehr über die Balkanroute in die EU-Länder durchkommen würden. Die Türkei hat Erfolg gehabt mit ihrem Erpressungsversuch. Sie bekommt Geld und Visafreiheit für ihre Bürger*innen und sorgt im Gegenzug dafür, dass keine Flüchtlinge mehr von der türkischen Küste in Richtung Lesbos aufbrechen. Nun führt die einzige offene Route über Libyen.

Die Aquarius beschleunigt auf 10 Knoten. Wir nehmen Kurs auf die libysche Küste. Die Sonne scheint, die See ist ruhig. Morgen früh um 6 Uhr, wenn die ersten Flüchtlinge von der Küste aufbrechen, werden wir wieder zur Stelle sein. Das ist ein beruhigender Gedanke. Ich mag Montage.

JPM