Logbucheintrag #12: Fliegende Flüchtlinge

Logbucheintrag #12: Fliegende Flüchtlinge

von Jean-Paul Mari // 16.03.2016

Was sind die Flüchtlinge doch diszipliniert! Auf der Brücke der Aquarius stehen sie geduldig in einer Reihe: 119 Menschen, ihre Habseligkeiten unter dem Arm, den Kopf in eine graue Decke gehüllt. Sie schwanken mit dem Seegang. Vor ihnen: die Insel Lampedusa, hohe Wellen und die Backbordreling, die es zu überwinden gilt.

62b_SOS MEDITERRANEE_Patrick Bar

Die Aquarius ist die Nacht über mit gedrosselter Geschwindigkeit gefahren. Die Flüchtlinge sollten den Schlaf der Gerechten schlafen können. Am Abend hatte uns das Meer in den Schlaf gewiegt, doch bei Tagesanbruch riss es uns abrupt aus den Träumen. Das Wetter hatte sich verschlechtert, wegen des starken Winds konnten wir nicht in den Hafen einlaufen.

Wir müssen uns eine geschützte Stelle hinter der Insel suchen und die Geretteten an zwei große Boote der Küstenwache übergeben. Die Flüchtlinge staunen nicht schlecht, als sie die italienischen Besatzungsmitglieder sehen. Sie tragen weiße Schutzanzüge, weiße Gummihandschuhe und Gesichtsmasken. Ein Taucher in einem orangefarbenen Neoprenanzug hat eine Hightech-Kamera auf dem Kopf. Die Angst vor ansteckenden Krankheiten ist offenbar groß. Die „Außerirdischen“ strecken dem „Deckenvolk“ ihre Arme entgegen. Nach ein paar knappen Anweisungen auf Sizilianisch kann die Übergabe beginnen. Die beiden Boote liegen Rumpf an Rumpf und schwanken bedrohlich auf und ab. Die Wellen sind bis zu drei Meter hoch. Auf keinen Fall dürfen sich die Boote rammen. Zunächst werden die beiden Säuglinge über die Reling gehoben. Starke Arme nehmen sie vorsichtig in Empfang. Dann sind die Mütter an der Reihe, ein Junge mit gelähmten Beinen, der keine Krücken hat, und als Letztes die Männer. Manche sind schwerer als ihre Retter. Auf der Aquarius bekommt jeder Einzelne vor dem Manöver klare Anweisungen. „Dreh dich um. Schau uns an. Jetzt steig die Leiter hinunter. Einen Fuß nach dem anderen. Wenn ich ‚jetzt‘ sage, springst du. JETZT!“ Während ein Boot sich aufwärts bewegt und das andere abwärts, fliegen Menschen von einem Deck auf das andere. Das schäumende Meer kann ihnen nichts anhaben. Zweimal müssen wir unseren Ankerplatz ändern, weil uns Wind und Wetter einen Strich durch die Rechnung machen. Das Boot der Küstenwache und die Aquarius schwimmen wie Korken auf dem Wasser, aber die Flüchtlinge machen ihre Sache gut. Sie landen sicher auf dem Boot der italienischen Küstenwache. Auf europäischem Territorium.

aquarius 41b_SOS MEDITERRANEE_Patrick Bar

Nach zwei Stunden Drahtseilakt sind die Flüchtlinge in Sicherheit und wir schweißgebadet. Die Aquarius ist wieder leer. Auf beiden Booten applaudieren die Besatzungsmitglieder erleichtert, die Flüchtlinge heben zum Abschied die Hand. Wir beobachten, wie sich unsere Schiffbrüchigen entfernen. Klaus Vogel, der Kapitän der Aquarius, schaut ihnen mit einer Mischung aus Erleichterung und Zorn nach: „Warum können sie nicht einfach das Flugzeug nehmen?“

JPM