Logbucheintrag #14: Rettung & Ankunft in Messina

Logbucheintrag #14: Rettung & Ankunft in Messina

„Wir werden Euch vermissen, ihr habt uns gerettet“

von Nagham Awada

Um Viertel vor zehn am Ostermontag erhält die Crew an Bord der AQUARIUS einen Notruf vom MRCC in Rom, wonach sich mehrere Boote, nicht weit von unserer Position entfernt, in Seenot befinden. Schon bald darauf kann ein Boot gesichtet werden und die Crew beginnt sofort mit dem Rettungseinsatz. Man merkt, dass die Geflüchteten eine Welle von Erleichterung überkommt und einige versuchen direkt von dem Gummiboot in die kleinen Rettungsboote von SOS MEDITERRANEE zu springen. Wie das SAR Team berichtet: „Sie waren sehr aufregt und wollten auf unser Rettungsboot springen. Diesen Instinkt kann man nur zu gut verstehen. Ihr Boot war noch in relativ gutem Zustand, aber man konnte die schlechte Qualität direkt feststellen.“

 

Rettungseinsatz durch SOS MEDITERRANEE

Rettungseinsatz durch SOS MEDITERRANEE © Patrick Bar

An Bord der AQUARIUS werden sie durch ein warmes Lächeln willkommen geheißen und die ÄrztInnen messen die Temperaturen, um festzustellen, wer in ärztliche Behandlung muss. Die ersten Gäste, die wir auf der Aquarius begrüßen dürfen, sind drei Kinder, Godwy und Gostein, 13-Monate alte Zwillinge aus Nigeria und Aisha, ein 7-Monate altes Baby aus Nigeria, sowie eine  Frau. Die Krankenschwestern von Médecins du Monde nehmen die Babys entgegen und bringen sie sofort in die Klinik, während die weinende Frau erst einmal in den Arm genommen wird.

Die ersten beiden Männer an Bord danken uns unendlich. Sobald alle an Bord sind, beginnt die Verteilung des Wassers und es herrscht eine gemeinschaftliche Stimmung. Alle helfen mit, die verschiedenen Teams, die JournalistInnen und die Geflüchteten selbst. Mustafa, ein 28-jähriger Aerobic und Yoga Lehrer aus Gambia, der seine Heimat verlassen hat nachdem seine Mutter ermordet worden ist, leitet die anderen an sich, in Reihen zu setzen, damit ihre Namen, Alter und Herkunft registriert werden können.

Viele von ihnen berichten, dass sie seit Tagen nichts gegessen hatten. Sie alle sind barfuß und tragen nur dünne Kleidung. Niemand hat eine Jacke. Sie berichten, dass die Schmuggler sie davon abgehalten haben, ihre persönlichen Dinge mit an Bord zu nehmen. An Bord der Gummiboote gibt es ausschließlich Benzin, kein Wasser, kein Essen. Man sieht ihnen die Müdigkeit an, jedoch auch die Erleichterung und Vorfreude. Insgesamt kann SOS MEDITERRANEE 132 Menschen retten.

 

 

Vom MRCC werden wir gebeten, weiterhin in der Gegend zu bleiben, da sich besonders an diesem Tag viele Schiffe mit Geflüchteten auf dem Mittelmeer befinden. Um 15.25 Uhr erhält die Crew den nächsten Anruf, mit der Bitte weitere Geflüchtete von der Italienischen Küstenwache aufzunehmen. Manche von ihnen tragen Socken, manche von ihnen Schuhe und sie alle haben Jacken. Sie erzählen uns später, dass sie das Gummiboot selbst mit Hilfe eines Schmugglers gekauft hatten. Ein Mann muss sofort in die Klinik gebracht werden. Er hat sich durch die Nägel am Boden des Gummiboots verletzt. Als nächstes wird ein kleines Mädchen in einem wunderschönen rosa Kleid an Bord gehoben. Sie heißt Noor, ist 8 Jahre alt und kommt aus dem Sudan. Sie ist zusammen mit ihrer kleinen Schwester, Riya, 5 Jahre alt, ihrer Mutter, ihrem Onkel und ihrer schwangeren Tante gekommen. Noors Vater ist in Libyen ums Leben gekommen. Insgesamt nimmt das Team der AQUARIUS 246 Menschen entgegen.

An Bord sind nun viele Menschen, doch guten Mutes macht es sich auf in Richtung Sizilien.

 

 

Es ist gegen 12:30 Uhr als eine Gruppe von Männern aus Kamerun die Lichter von Sizilien erblickt und ein Lied anzustimmen beginnt: „Mon bateau il va pas pas couler, c’est SOS MEDITERRANEE“ – zu Deutsch: „Mein Boot wird nicht sinken, denn es ist SOS MEDITERRANEE“.

SOS MEDITERRANEE

© Patrick Bar

Die Männer berichten uns, dass sie zum Teil 7 Jahre lang festgehalten worden sind und in dieser Zeit nicht singen durften. Später berichten sie, dass vor etwas zwei Wochen eine Gruppe von 60 Geflüchteten aus Kamerun schon einmal versucht hatte, aus Libyen zu fliehen. Das erste Gummiboot ihres ersten Versuchs wurde von SOS MEDITERRANEE während unseres zweiten Rettungseinsatzes gefunden, das zweite musste wegen eines Lecks zurückkehren, doch nun befinden auch sie sich in Sicherheit an Bord der Aquarius.

 

 

Im Hafen von Messina/ Sizilien, werden die Geflüchteten vom Gesundheitsministerium und regionalen Gesundheitsbehörden entgegengenommen, bevor sie vom italienischen Roten Kreuz registriert werden. Sie verlassen die Aquarius gehüllt in ihren Decken und mit ihren kleinen Beuteln von MdM, die hauptsächlich mit Seife und Handtüchern befüllt sind. VertreterInnen von IMO, UNHCR, Save the Children und Frontex sind auch vor Ort. Es ist ein freudiger und zugleich trauriger Moment. In dieser sehr kurzen Zeit ist man sich sehr Nahe gekommen.

Ankunft in Messina/ Sizilien

Ankunft in Messina/ Sizilien © Patrick Bar

Niemand der Geflüchteten hat Papiere, doch der UNHCR versichert uns später, dass sie alle Asylstatus bekommen würden. Die Registrierung dauert einige Stunden, die Aquarius verlässt den Hafen von Messina gegen 16.25 Uhr. Einer der Geflüchteten verabschiedet sich von der Crew: „We are going to miss you, you saved us“ („Wir werden Euch vermissen, ihr habt uns gerettet“).

N.A.