Logbucheintrag #16: Rettungseinsatz 17. April

Logbucheintrag #16: Rettungseinsatz 17. April

von Jana Ciernioch


Die Wetterbedingungen sind denkbar ungünstig am Sonntag, den 17. April 2016. Eine raue See, Windstärke 5 bis 6, bis zu 2 Meter hohe Wellen. Eigentlich rechnet keiner damit, dass an diesem Tag überhaupt Boote von der libyschen Küste ablegen. Am Tag zuvor waren bereits 116 Menschen aus Seenot gerettet worden. Da war das Wetter noch besser. Doch gegen 17:00 Uhr erhält die AQUARIUS einen Notruf von der italienischen Rettungsleitstelle MRCC (Maritime Rescue Coordination Center) in Rom. Ein Schlauchboot mit Geflüchteten sei in Seenot geraten, das Boot sei bereits am Sinken. Das MRCC gibt die Koordinaten des Bootes durch. Das Search and Rescue (SAR) Team zieht sich die Einsatzkleidung über, das Ärzt*innen Team von Médecins du Monde (MdM) trifft die letzten Vorkehrungen in der Bordklinik. Wenig später, gegen 17:30 Uhr erreicht die AQUARIUS die Einsatzstelle.

Beim Eintreffen der AQUARIUS hat das Boot bereits die Hälfte an Luft verloren. Der Motor ist defekt. Das Schlauchboot ist im Begriff weiter zu sinken, die Menschen klammern sich panisch an die noch vorhandenen, luftgefüllten Kammern. Es tritt weiter Wasser ein.

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Bei der Ankunft der AQUARIUS hat das Schlauchboot bereits die Hälfte seiner Luft verloren. © Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

Das SAR Team lässt das erste der beiden Fast Rescue Boats (FRB) ab und nähert sich dem sinkenden Boot, das zweite, kleinere Rescue Boat wird kurz danach eingesetzt. Dies ist einer der herausforderndsten und gefährlichsten Momente: die Rettung naht ja, die Rettungswesten sind gleich verteilt. Aber die SAR Crew darf mit dem FRB nicht allzu nah an das sinkende Boot heran, da sonst die Gefahr besteht, dass die Geflüchteten – noch bevor sie die Rettungswesten erhalten haben – voller Panik ins Wasser springen, um so rasch wie möglich das Rettungsboot zu erreichen. Viele von ihnen können nicht schwimmen, alle sind von der Überfahrt extrem erschöpft. Das SAR Team muss zunächst also die Menschen beruhigen, mit ihnen sprechen, sie ablenken, bis die Rettungswesten verteilt sind. Das ist ein entscheidender Moment. Normalerweise beginnt die Übernahme der Geflüchteten auf die FRBs, sobald die Rettungswesten verteilt sind. Oder aber das FRB zieht das betroffene Schlauchboot bis zur AQUARIUS, wo die Menschen direkt an Bord genommen werden. Unter normalen Bedingungen. Bei dieser Rettung ist es anders. Da das Schlauchboot immer weiter  sinkt , geraten die Menschen so sehr in Panik, dass viele von ihnen direkt ins Wasser springen, noch bevor sich das SAR Team richtig genähert hat.

Die Crew muss immer wieder Menschen mit bloßen Händen aus dem Wasser ziehen, hinauf aufs FRB. Ein Kraftakt für alle Beteiligten. Und das bei meterhohen Wellen. Für zwei Männer kommt jede Hilfe zu spät. Sie springen panisch ins Wasser, werden sofort abgetrieben. Das SAR Team kann sie nicht erreichen, sie ertrinken. Insgesamt müssen die FRBs zwischen sinkendem Boot und AQUARIUS sechsmal hin- und herfahren. Jedes Mal befinden sich ca. 15 Menschen darauf. Bis 19:00 Uhr dauert der Einsatz. Als die letzten Menschen vom Schlauchboot auf die Rettungsboote von SOS MEDITERRANEE gehievt werden, entdeckt das Team in der Mitte des kaputten Schlauchbootes sechs Tote.

An Deck der AQUARIUS halten sich viele der Geretteten nur mit größter Mühe auf den Beinen, müssen gestützt werden. Sie sind komplett durchnässt, manche sind vollkommen unbekleidet. Die meisten sind gelähmt, sie zittern am ganzen Körper. Sie werden nun vom Ärzt*innen-Team versorgt.

Wie uns einige der Geflüchteten später erzählen, sind sie gegen 9 Uhr morgens von Zabrata (Libyen) gestartet. Die Angaben variieren, aber zu Beginn ihrer Reise sind sie wohl um die 135 Personen, die alle auf das Schlauchboot steigen. Auf der Überfahrt, noch bevor die AQUARIUS das Boot erreicht, ging ist der Motor kaputt. Schließlich sind die mittleren Kammern des Bootes Leck geschlagen, haben Luft verloren, Wasser begann in das Boot einzudringen. Laut Angaben der Geflüchteten sind bereits auf der Überfahrt mehr als 30 Menschen ertrunken. Ihnen haben die Wellen die Kleider vom Leib gerissen, als sie bei stürmischer See über Bord gegangen sind. Einige haben Glück und schaffen es zurück, viele jedoch nicht.

Neben den häufig auftretenden Unterkühlungen und Dehydrierungen haben viele von ihnen Verbrennungen davongetragen. Wenn aus schlecht verschlossenen Kanistern das Benzin austritt und sich mit dem Meerwasser vermischt, kommt es durch das chemische Gemisch zu Verbrennungen auf der Haut. Besonders die Beine sind davon betroffen, berichtet uns Stephany, Ärztin auf der AQUARIUS. Andere weisen Spuren von Misshandlungen auf. Ihre Körper sind übersät von Blutergüssen. Zum wiederholten Male treffen wir auf einen Mann mit mehreren Schusswunden, die noch nicht verheilt sind.

Ein Verletzter steht im Bordhospital unter ärztlicher Beobachtung. © Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

Ein Verletzter steht im Bordhospital unter ärztlicher Beobachtung. © Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

Wie sich herausstellen wird, kommen die Geflüchteten aus Gambia, Guinea Konakry, Guinea Bissau, von der Elfenbeinküste, aus Togo, Nigeria, Senegal, Mali, dem Sudan, Äthiopien und Eritrea. Unter ihnen befinden sich vier Frauen, einige Minderjährige.

Am darauf folgenden Tag erreicht die AQUARIUS gegen Mittag den Hafen von Lampedusa. Dort werden die 108 Geretteten von den lokalen Behörden und Unterstützer*innen in Empfang genommen. Zuerst gehen die Verletzten von Bord. Für den Mann mit den Schusswunden steht ein Krankenwagen bereit. Dann verlassen die restlichen Geretteten die AQUARIUS.  Gegen 14:30 Uhr verlässt die AQUARIUS Lampedusa und macht sich auf den Weg nach Trapani (Sizilien), um sich u.a. mit neuer medizinischer Ausrüstung auszustatten.

Am gleichen Tag steht das Telefon im Berliner Büro von SOS MEDITERRANEE nicht mehr still. Es stellt sich heraus, dass der Notruf, den das MRCC erhalten hatte, nicht der einzige war. Wie das UNHCR am 20. April schließlich bestätigt, sind am gleichen Wochenende geschätzte 500 Menschen vor der libyschen Küste ertrunken.

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