Logbucheintrag #25: Volle Fahrt voraus, um weitere Leben zu retten

Logbucheintrag #25: Volle Fahrt voraus, um weitere Leben zu retten

Nach vier Tagen Aufenthalt in Sizilien sticht die Aquarius am Dienstag, 26. Juli zu ihrem achten, dreiwöchigen Einsatz in See. An Bord befinden sich 31 Personen aus 14 verschiedenen Ländern: Schiffsbesatzung, Seenotretter*innen, medizinisches Team und Journalist*innen. Während die Matrosen dabei sind, die Landungsbrücke für die Abfahrt zu heben, sammelt sich das ganze Team spontan auf dem Hinterdeck: Sie winken und reißen Witze, um sich von den am Ufer Zurückbleibenden zu verabschieden. Wie von Dr. Erna von Ärzte ohne Grenten, die 12 Wochen lang an Bord war und gemeinsam mit der Crew das schönste Erlebnis – die Geburt des kleinen Destiné Alex-  sowie das schlimmste – die 22 Toten, die das SAR Team am Boden eines Gummibootes fand –  geteilt hat.

Für die, die bei der tragischen Rettung am 20. Juli dabei waren und durch schmerzhafte Momente gehen mussten, wie Mathias, James, Bertrand und Tom, ist es an der Zeit, weiter zu machen und diese noch immer zu präsenten Bilder zu verarbeiten. Sie haben die vier Tage an Land genutzt, um sich psychologisch betreuen zu lassen, um sich auszuruhen und abzuschalten. Diese Pause hat ihnen auch die Möglichkeit gegeben, die Neuankömmlinge im SAR Team zu treffen: Ani, Luis, Sebastian und Baptiste aus Spanien, Deutschland und Frankreich. Sie sind Rettungsleute, Notfallsanitäter und Matrosen. Sie sind zwischen 21 und 31 Jahren alt, und schon in den ersten Tagen an Land kann man einen richtigen Team-Zusammenhalt zwischen ihnen und den „Alten“ fühlen. „Wir haben ähnliche Persönlichkeiten und ich freue mich schon darauf, mit ihnen zu arbeiten“ meint Tom, der schon bei vier Rettungen dabei war. „Natürlich hatte ich das Bedürfnis meine Erfahrungen von dieser tragischen Rettung mit ihnen zu teilen, und sie hatten auch das Bedürfnis mit uns darüber zu sprechen“ sagt Bertrand, während er in die Ferne schaut und sich an die Bilder der Leichensäcke erinnert, die er mit einigen Kolleg*innen bei der Ankunft in Trapani von Bord trug. Aber er weiß, er kann sich auf die Unterstützung des Teams verlassen. „Nach der Rettung haben wir uns alle gegenseitig umeinander gekümmert. Jeder fragte die anderen: geht es dir gut? Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“ Und obwohl sie bei diesem Ereignis nicht dabei waren, fühlen sich die „Neuen“ mit einbezogen. „Sebastian hat mir versichert, dass er uns beistehen wird“ sagt Bertrand.

Sobald der Hafen von Trapani am Horizont verschwindet, wird der Beginn dieser neuen Reise mit einer kleinen Gedenkfeier begangen. In einem Kreis auf dem vorderen Deck des Schiffs versammelt, genau an der Stelle, an welcher vor wenigen Tagen noch die Körper von 21 Frauen und einem Mann lagen, würdigen die Teams von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenten, die Matrosen und Journalist*innen jene, die einst von einer besseren Zukunft träumten, aber Europa niemals erreichen sollten.

Disembarkation of 209 rescued people from the MV Aquarius, a search and rescue vessel run by MSF and SOS Mediterranne, to the port of Trapani, Italy. These people were rescued off two rubber boats on the 20th of July 2016. One of the boats contained 22 deceased peopel, of which one man and 21 women

Crewmitglieder gedenken der toten Flüchtline © Anna Psaroudakis

Rosen zum Abschied von den Verstorbenen © Anna Psaroudakis

 

Eine Mitarbeiterin des Italienischen Roten Kreuzes legt eine Rose in den Sarg einer ertrunkenen Frau © Anna Psaroudakis

Währenddessen setzt die AQUARIUS ihre Reise zum Einsatzgebiet fort. Mehr denn je zuvor müssen wir dort sein, um weitere Leben zu retten.

***

Text: Nagham Awada
Übersetzung: Ulrike Werner
Photos: Anna Psaroudakis