Logbucheintrag #27: Die 22. Rettung – Start in ein neues Leben

Logbucheintrag #27: Die 22. Rettung – Start in ein neues Leben

Das Lied der Dankbarkeit der nigerianischen Frauen, die im Verlauf der 21. Rettung an Bord genommen wurden, bringt nach der furchtbaren Rettung einige Tage zuvor das Leben zurück auf die AQUARIUS.

Lied der Freude

(c) Isabelle Serro

Nur wenige Stunden nachdem wir die 138 Personen sicher an Bord gebracht haben, starten wir weiter in Richtung Osten und folgen dem nächsten Notruf, der uns vom MRCC Rom erreicht hat. Als wir bei den Koordinaten ankommen, hat die Iuventa, das Rettungsschiff von Jugend Rettet, bereits Rettungswesten verteilt. Sie bleiben bei den Geretteten, bis die AQUARIUS dazu kommt. Wir teilen Westen aus und beginnen mit der Evakuierung der 98 Menschen. Wie wir später erfahren werden, haben sie bereits 13 Stunden im Meer unter der sengender Hitze verbracht. Während dem Einsatz lassen die anderen Passagiere, die wir nur wenige Stunden zuvor gerettet hatten, das von den Wellen umhertreibende Schlauchboot nicht aus den Augen. „Wir haben Hoffnung. Wir hoffen, ihr werdet sie auch retten“, sagen sie.

Als die „Neuen“ an Bord kommen, begegnet man sich mit Wärme. Die Menschen, die wir während der ersten Rettung an Bord gebracht haben, kommen alle aus Westafrika, die anderen hauptsächlich aus Ostafrika: Eritrea, Somalia, Sudan, manche auch aus Bangladesch. Viele verbrachten teils mehrere Jahre in Libyen, bis die Lage unerträglich wurde. „Libyen ist ein verfluchtes Land, wir wurden fast täglich geschlagen“, erzählt ein nigerianischer Mann. „Sobald ich entkommen konnte, fühlte ich mich wie ein freier Mann“.

Alle verließen ihr Heimatland, um einem unterdrückenden Regime, bewaffneten Konflikten und vor allem dem Leid zu entkommen. In der Hoffnung, sich eine Existenz in Libyen aufzubauen, haben sie meist mehrere Grenzen und Wüsten durchquert und nicht voraussehbare Gefahren auf sich genommen. Unter ihnen sind viele Minderjährige. Viele der Geschichten gleichen der von Mohammad*, einem 17-jährigen Sudanesen. „Ich musste die Schule mit 14 verlassen, um in den Maisfeldern zu arbeiten. In meinem Land gibt es Sicherheitsprobleme und das Leben ist zu teuer. Mein Traum ist es, Englisch zu lernen“. In Libyen, wo er eine Weile lebte und wo er dachte, seine Zukunft sichern zu können, wurde er sechsmal willkürlich festgenommen, um von seiner Familie Lösegeld zu erpressen. „Mein Bruder musste sein Haus verkaufen, um mich zu befreien.“

Manchmal mussten sie an die 1000 Euro bezahlen, für einige von ihnen eine unvorstellbar hohe Summe an Geld – und das nur um auf ein Schlauchboot zu gelangen. Viele von ihnen sind von Angst erfüllt. „Wir kamen an vier Schiffen vorbei, die uns ignorierten. Wir waren verloren, wussten nicht, wie wir uns orientieren sollten. Das Wasser begann unser Boot zu füllen und der Holzboden fing an, auseinander zu brechen. Wir waren verzweifelt, machten uns bereit zu sterben“, erinnert sich Angoso* aus Eritrea. Und dennoch: „Es nicht wert, das Leben tausender Menschen zu riskieren, um über das Meer nach Europa zu reisen ist“, schreibt Abdul* aus Nigeria unter sein Bild. Er hat es gemalt, um auszudrücken, was sie alle durchgemacht haben. „An Bord dieses Schiffes [Aquarius] zu kommen, ist wie ein neues Leben zu beginnen“, erzählt Ahmad* aus dem Sudan.

 

Was wünschen sie sich am meisten? „Ich habe nie erfahren, was Freiheit bedeutet. Ich träume von einem Leben in einem freien Land“, sagt ein Mann aus Eritrea. „Ich träume davon, in Würde zu leben“, fügt Ahmad hinzu. Aus genau diesem Grund, ihrer Angst zum Trotz, wollen sie dieses Risiko auf sich nehmen.

***

*Namen geändert

Text: Nagham Awada
Übersetzung: Franziska Schneider
Photo & video: Isabelle Serro