Logbucheintrag #28: Schlupflöcher

Logbucheintrag #28: Schlupflöcher

98 Menschen befanden sich an Bord des Gummibootes, das bei der 22. Rettungsaktion der Aquarius geborgen wurde. Sie kamen hauptsächlich aus Bangladesch, Eritrea, Äthiopien, Sudan, Ghana und auch aus anderen Ländern… Eine Art Mini-„Arche Noah“, wenn man es so nennen kann, bei dem sich die Kommunikation schnell zu einem Gespräch mit Händen und Füßen verwandelte. Tigrinisch, Amharisch, Bengali, Arabisch, Englisch, Französisch, wie soll man all diesen Menschen eine verständliche Nachricht übermitteln ohne Missverständnisse und Verwirrung zu schaffen?

„Unser Hauptproblem war, dass wir einander nicht verstehen konnten, da wir unterschiedliche Sprachen sprechen“, erzählt ein Eritreer. Ein anderer bestätigt: „Wenn jemand sagte: „Setz dich hin“ und wir haben „steh auf“ verstanden, dann fingen die Leute an sich zu streiten. Es war schwierig die Lage zu beruhigen. Wir versuchten die Personen zu trennen, um Auseinandersetzungen zu vermeiden.“

Was die Sache noch komplizierter machte war, dass es keinen zugewiesenen Lotsen gab. „Jeder tat sein Bestes um zu fahren. Das Wasser begann ins Boot zu laufen, das Sperrholz am Boden begann zu brechen und wir verloren unsere Orientierung; wir wussten nicht wohin wir fahren sollten.“ Nach 12 Stunden auf See wurde die Situation immer schwieriger. „Wir fuhren an vier Schiffen vorbei, die uns ignorierten und ihren eigenen Weg fortführten. Wir hatten die Hoffnung verloren und waren bereit zu sterben.“

Einige sagen, dass sie, bevor sie auf das Boot kamen, umgerechnet 2.200 Dollar bezahlt haben ohne überhaupt die Fahrt antreten zu können. „Das erste Mal waren wir ca. 150 Leute, aber 15 von uns wurden nach einer Stunde zurückgebracht; andere wiederum schafften die Seefahrt. Wir wurden 15 Tage lang in einem Haus festgehalten. Die Schmuggler behaupteten, wir wären von der Polizei verhaftet worden; aber sie tricksten uns aus, damit wir ein zweites Mal bezahlten“, erzählt A., ein 23-jähriger Eriträer. N., sein 38-jähriger Landsmann hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. „Sie brachten uns an die Küste und wiesen uns an, dort zu warten. Wir verbrachten dort die ganze Nacht und den gesamten Tag. Wir wussten nicht, wieso das Boot noch nicht startbereit war. Die Schmuggler hielten uns 3 Tage lang in einem Haus fest, bis schließlich die Polizei kam und uns verhaftete. Wir vermuteten, dass die Schmuggler die Polizei informiert haben, weil das Boot noch nicht bereit war.“

Was bringt diese Männer dazu, ihre Heimat zu verlassen und sich unzähligen Gefahren auszusetzen, bevor sie überhaupt erst das Meer erreichen? A. begann die Reise von Khartoum im Sudan. „Während wir die Sahara durchquerten, wurden wir Zeugen eines Autounfalls. Die Schmuggler erzählten uns, dass die Passagiere alle in Sicherheit wären, aber wir haben nie erfahren, was aus diesen Männern geworden ist.“

Für N. war es genauso gefährlich in seiner Heimat Eritrea zu bleiben, wie sie zu verlassen. „Ich habe 15 Jahre in der Armee gedient. Mein Dienstort war in der Nähe der Grenze zu Äthiopien, also wurde ich beschuldigt, Menschen über die Grenze zu helfen. Einmal wurde ich für diese Anklage verhaftet und ein verwandter Offizier sagte mir, ich solle vorsichtig sein da ich nun bekannt war und in Gefahr schwebte. Ich verließ Eritrea, da ich mich dort nicht mehr sicher fühlte.“
Er erzählt von einem Mann aus seinem Dorf im Sudan, der mit den Schmugglern in Verbindung stand und gegen eine Summe von 1.300 US-Dollar Sahara-Überfahrten nach Libyen organisierte. „Den Sudan verließ ich zusammen mit drei Mitglieder meiner Familie. Wir begannen die Reise zusammen, aber dann wurden sie woanders hingebracht und ich weiß nicht was mit ihnen passiert ist. Der Mann aus meinem Dorf, der die Reise organisierte, hat inzwischen seine Telefonnummer geändert und ist verschwunden.“

Es gibt eine Sache, die sich N. am meisten wünscht: dass sich seine Frau und Kinder ihm anschließen mögen, egal wo er ist. „Ich hatte kein Geld, um sie mitzubringen. Meine fünf Brüder sind in der Armee gestorben und es gibt sonst niemanden, der meine Familie unterstützt. Wir haben eine kleine Farm, meine Frau arbeitet auf dem Feld, um Geld zu verdienen.“ Er hat Angst, dass seine Frau aufgrund seiner Abreise verhört oder sogar inhaftiert werden könnte. „Sie könnten nach Geld fragen, um sie freizulassen wenn sie verhaftet wird.“ Wird er es schaffen seine Familie zu beschützen? „Ich habe in meinem Leben bisher keine Freiheit gekannt. Ich möchte vor allem in einem freien Land leben“, sagt er.

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Text: Nagham Awada
Übersetzung: Juliane Kraus