Logbucheintrag #6: Die Fliege

Logbucheintrag #6: Die Fliege

Fünfter Tag: Die Fliege

von Jean-Paul Mari

Ich schrieb gerade an einem Text, als sie in der Mitte meines Bildschirms landete. Ich verscheuchte sie mit einer Handbewegung. Sie kam zurück, setzte sich unbeirrt wieder auf dieselbe Stelle. Nichts stört mehr als ein Insekt mitten im Satz. Außerdem hasse ich Fliegen. In der Wüste tauchen sie wie aus dem Nichts auf und quälen den durstigen Wanderer. Sie belästigen Verletzte und haben keine Achtung vor den Toten. Fliegen leben vom Müll. Ich hatte große Lust, sie totzuschlagen. Doch ich tat es nicht. Schließlich war die Fliege bei unserer Abfahrt von Lampedusa noch nicht da gewesen. Sie tauchte erst zwölf Meilen vor der nordafrikanischen Küste auf. Es war zweifellos eine libysche Fliege. Sie war hier zu Hause. Sie hatte die Küste hinter sich gelassen, war aufs Meer hinausgeflogen und hatte auf der Aquarius Schutz gesucht. Diese hartnäckige, nervige, verirrte Fliege ist ein Flüchtling. Ich schrieb weiter, und sie ließ sich brav neben meinem Computer nieder, ohne mich weiter zu stören. Viel schlimmer ist der Seegang, die bleischweren Wellen, die heranrollen und „Waschmaschine“ spielen. So nennen es die Seeleute, wenn die Brecher die Bullaugen überspülen. Doch das Wetter bessert sich. Dank der ruhigen See kommen wir mit den Fremden in Berührung, können mit ihnen sprechen. Eins ist sicher. Dieses Schiff beherbergt einen ungewöhnlichen Geist und ungewöhnliche Menschen. Da ist Jean, ein junger Offizier, der nach dem Studium an der Seefahrtschule auf Ölplattformen gearbeitet hat. Er sagt, dass er die wahre Bedeutung seines Berufs – oder seiner Berufung – erst auf der Aquarius verstanden hat. Da ist Majd, ein Kriegsdienstverweigerer aus Idlib in Syrien, der jetzt auf dem Meer in der Nähe seines Heimatlandes unterwegs ist. Da ist Zenawi, der vor drei Jahren vor der Diktatur in Eritrea geflohen ist. Er überquerte das Mittelmeer in einem winzigen Boot, landete auf Lampedusa und lebt mittlerweile in Frankreich. An Bord ist er als Arabisch- und Tigre-Dolmetscher tätig. Jetzt steht er an Deck der Aquarius und reicht dem Schutzsuchenden, der er selbst einmal war, die Hand. Und dann ist da noch Klaus Vogel, Kapitän der Handelsmarine und Gründer der Organisation, die die Aquarius aufs Mittelmeer geschickt hat, eine Ausnahmepersönlichkeit. Als Junge träumt er davon, Arzt zu werden, wird dann aber mit achtzehn Jahren Kapitän. Fünf Jahre später lässt er sich an Land nieder, gründet eine Familie, studiert Geschichte in Paris und Göttingen und macht seinen Doktor. Dann fährt er wieder zur See und bereist als Kapitän von großen Containerschiffen die Weltmeere. Mit 58 Jahren hängt er seinen Beruf an den Nagel, weil er es nicht erträgt, dass niemand den Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken, zu Hilfe kommt. Ja, dieses Schiff ist ein Schmelztiegel, in dem viele verschiedene Menschen zusammenkommen. Oh! Die Fliege ist davongeflogen. Sie ist jetzt ein wenig leichter.