Logbucheintrag #7: Die Wache

Logbucheintrag #7: Die Wache

Sechster Tag: Die Wache

von Jean-Paul Mari (Übersetzung aus dem Französischen)

Ich habe gerade meine drei Stunden Wache auf der Brücke absolviert. Der Bordradar kann keine kleinen Boote orten. Wenn kein Notruf bei uns eingeht, müssen wir die Fischer- oder Schlauchboote voller Flüchtlinge sichten, bevor sie untergehen. Der beste Aussichtspunkt ist 25 Meter über dem Meeresspiegel, auf dem Dach der Kommandobrücke, direkt unter dem Radar, der an einen Ventilator erinnert. Seit dem Morgen zeigt das Heck der Aquarius nach Norden. Der Motor ist gedrosselt, Strömung und Wind treiben uns nach Osten. Ich sehe deutlich die libysche Küste, 23 Seemeilen entfernt, und meine, die Schornsteine der riesigen Zementfabrik zu erkennen, an der ich vorbeigekommen bin, als ich im Rahmen meiner Reportage von Tripolis nach Misrata unterwegs war. Wenn man Wache schiebt, ist es sinnvoll, den zu überwachenden Bereich in Zonen aufzuteilen. Backbord achtern ist nichts zu sehen. Wohin das Auge blickt, nichts als schwere Wellen. Sie schieben perlmuttfarbene, in der Sonne glitzernde Gischt vor sich her. Ich habe das Gefühl, über den Wolken zu schweben oder von oben auf das schillernde Packeis der Antarktis zu blicken. Backbord vorn ragt das vom Wind aufgeschäumte Wasser als Hindernis auf. Ein weißes Dreieck gleicht einem Fischerboot, ein dunkler Fleck einem Schlauchboot. Im nächsten Moment sind sie verschwunden. Es waren nur Wellen. Bisher sehe ich während meiner Wache nur Trugbilder.

Es kommt auf jede Minute an. Wenn ein Boot sinkt, lautet die Überlebensregel wie folgt: Bei 4° C hält es ein Mensch etwa eine Stunde und fünf Minuten im Wasser aus. Bei 10° C sind es eine Stunde, fünfundzwanzig Minuten. Das Mittelmeer ist relativ warm, in ihm hat ein gesunder Mensch eine gute Chance, zwei Stunden zu überleben. Das gilt allerdings nicht für die Flüchtlinge, die von Durst, Hunger und Seekrankheit geschwächt sind. Um den menschlichen Körper warm zu halten, braucht es eine Wassertemperatur von 34° C. Badewannentemperatur. Fällt die Körpertemperatur unter 33° C, kommt es zu einer Unterkühlung: Der Flüchtling deliriert, verliert das Bewusstsein, geht unter. Seit drei Stunden starre ich nun schon aufs Meer. Meine Gedanken schweifen ab, ich versuche verzweifelt, mich zu konzentrieren. Mittlerweile kann ich einen gelbgrünen Algenteppich in der Ferne orten. Zu viel Aufmerksamkeit ist auch nicht gut. Die Suche wird zur Obsession. Irgendwann sieht man das, was man sucht. Gestern schlug einer von uns Alarm. Die Aquarius machte kehrt, entdeckte aber nur eine Plastikfolie, die im Meer trieb. Im Dunkeln ist es besonders schlimm. Eines Nachts kam die Wache angerannt: „Ich habe ein Fischerboot gesehen, mit voller Beleuchtung.“ Doch es war nur der Mond, der sich auf dem Meer spiegelte.

Vor uns an der Küste warten die Flüchtlinge. Das Meer ist unruhig, und die Kämpfe zwischen Tripolis und Zuwara verhindern viele Überfahrtsversuche. Ich stehe ganz allein auf dem Dach der Kommandobrücke und schiebe Wache. Zum Glück dient die Aquarius nicht dazu, einen Feind abzuwehren, sondern dazu, Menschen aus dem Wasser zu ziehen.