“Mein ganzes Leben lang bin ich schon auf der Flucht” – Frauen berichten über sexuelle Ausbeutung in Libyen

“Mein ganzes Leben lang bin ich schon auf der Flucht” – Frauen berichten über sexuelle Ausbeutung in Libyen

Entgegen der verbreiteten Annahme, dass ausschließlich Männer die gefährliche Überfahrt von Libyen nach Europa auf sich nehmen, rettet die Aquarius immer wieder große Gruppen von Frauen aus den seeuntauglichen Schlauchbooten. Viele schweigen über ihre Erlebnisse während der Flucht aus Angst, Scham und Verzweiflung. Zu oft bleibt ihr Leid ungehört.

Entgegen der verbreiteten Annahme, dass ausschließlich Männer die gefährliche Überfahrt von Libyen nach Europa auf sich nehmen, rettet die Aquarius immer wieder große Gruppen von Frauen aus den seeuntauglichen Schlauchbooten. Viele schweigen über ihre Erlebnisse während der Flucht aus Angst, Scham und Verzweiflung. Zu oft bleibt ihr Leid ungehört.

Sexuelle Ausbeutung stellt heute für Frauen auf der Flucht durch Libyen die größte Gefahr dar. Ungefähr ein Drittel der Frauen, die von der Aquarius gerettet werden, berichten von sexuellen Übergriffen in Libyen – und das sind nur jene, die überhaupt darüber sprechen.

Die überwältigende Anzahl wie auch die auffallenden Ähnlichkeiten in den Schilderungen ihrer Erlebnisse deuten darauf hin, dass die Verwundbarkeit von Frauen auf der Flucht systematisch ausgenutzt wird. Abisatou kommt aus Ghana und ist 22 Jahre alt. Nachdem ihre Eltern im Bürgerkrieg ums Leben gekommen sind, wurde sie zunächst von Pflegeeltern aufgezogen. Als diese sie im Alter von 10 Jahren aussetzen, ist sie auf sich alleine gestellt und lebt auf der Straße. Mit 19 Jahren wird sie von einer Straßengang entführt und misshandelt. Eine ältere Frau hilft ihr zu entkommen, zwingt sie im Gegenzug aber zur Prostitution.

Einige Wochen bleibt sie bei der Frau, bis sie sich eines Tages dazu entschließt, wegzulaufen. Sie trifft auf eine Gruppe von Menschen, die Gambia verlassen wollen, um in einem anderen Land Arbeit zu finden. Aus Verzweiflung schließt sie sich ihnen an, nicht wissend, wo die Reise hingeht. Nach einigen Wochen durchquert die Gruppe schließlich die Wüste nach Libyen. Abisatou findet Arbeit als Putzfrau und wird in einem safe house untergebracht, die gängige Bezeichnung für die Massenunterkünfte für Migranten in Libyen. Regelmäßig wird sie dort von den bewaffneten Männern, die das Haus bewachen, vergewaltigt. Irgendwie schafft sie es, erneut zu entkommen und findet Platz auf einem der Schlauchboote, die am Strand liegen. “Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich es auf eins der Boote geschafft habe. Vielleicht, weil ich schon mein ganzes Leben lang auf der Flucht bin”.

Viele andere Frauen werden systematisch in Libyen Opfer sexueller Gewalt. Die Asma Boys (ein Ausdruck, der für bewaffnete, uniformierte Männer verwendet wird, die gezielt auf Migranten Jagd machen), werden als Haupttäter genannt. „Ich war zuhause als die Asma Boys zu unserem Haus kamen. Sie hielten mir ihre Kalaschnikows an den Kopf und vergewaltigten mich. Nachdem sie fertig waren, nahmen sie all mein Geld und gingen“, berichtet eine Frau aus Nigeria. „Das schlimmste ist, dass du weißt, dass sie jederzeit zurückkommen können“.

Die Asma Boys sind für Entführungen von Migranten in Libyen berüchtigt. Eine andere Frau auf der Aquarius erzählt mir ihre Geschichte. „Ich war vier Monate in Libyen als ich auf offener Straße überfallen wurde. Die Asma Boys steckten mich in den Kofferraum ihres Autos und fuhren mich zu einem Haus. Dort waren bestimmt schon 40 weitere Frauen, alle entführt und verschleppt, um als Prostituierte für die Asma Boys zu arbeiten. Anfangs habe ich mich geweigert. Daraufhin haben sie mich für eine Woche in ein Zimmer gesperrt. Sie haben mich an den Händen gefesselt und mich mit Kabeln geschlagen. Jeden Tag kamen mehrere bewaffnete Männer in das Zimmer und haben mich vergewaltigt. Ich dachte, ich überlebe das nicht“.

„Du bist nichts wert für sie”, erinnert sich die 26-jährige Serwa aus Ghana. „Nachdem mich die Polizei als illegale Migrantin verhaftet hat, verbrachte ich vier Monate im Gefängnis. Alle Frauen werden dort vergewaltigt; niemand ist sicher. Wenn du schwanger bist, zwingen sie dich zum Oralsex“. Wie auch viele andere Frauen, wird Serwa im Gefängnis schwanger. „Wie könnte ich das Kind behalten? Ich kann einfach nicht”.

Dies sind keine Einzeltaten verübt von Gelegenheitstätern. Viele der Frauen, die meisten aus Nigeria, wurden direkt aus in ihren Heimatländern verschleppt, um in Libyen und Europa als Prostituierte verkauft zu werden. Menschenhandel mag heute in Libyen weitaus sichtbarer sein. Der Markt für Prostitution und Zwangsarbeit auch in Europa bleibt jedoch weitestgehend unbeeindruckt von strikteren Grenzkontrollen – eine bittere Ironie, wenn man das anhaltende Fehlen legaler und sicherer Wege für Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, Gewalt und Armut bedenkt.

 

Text: Sarah Hammerl
Foto: Patrick Bar