Portraits geflüchteter Frauen

Portraits geflüchteter Frauen

Josephine, 7, und ihre Schwester Catherine, 5, laufen überall auf dem Deck der Aquarius herum. Sie lachen, singen, toben und lassen sich in die Luft werfen. Sie schnappen jedes fremde Wort auf und bezaubern alle an Bord. Währenddessen beginnt ihre Mutter Dominique, 35, zu erzählen: „Ich habe vier Kinder. Josephine und Catherine sind meine Jüngsten. Als ich 18 Jahre alt war, hat meine Familie mich aus der Schule genommen und an einen Mann verheiratet, der über 60 war und bereits vier Frauen hatte. Meine Schwiegermutter hat meine anderen Töchter an andere ältere Männer verheiratet. Ich hoffe, dass ich eines Tages die Mittel habe, ihnen zu helfen.“ Nachdem es Dominique gelingt, aus der Zwangsehe auszubrechen, heiratet sie erneut. Doch ihr neuer Mann muss als politisch Verfolgter die Elfenbeinküste verlassen. Sie gehen nach Libyen, werden dort aber verschleppt, zur Zwangsarbeit gezwungen und müssen Mord, Vergewaltigungen und Folter mitansehen. Dominique sagt: „Wenn sie versuchen, die Menschen davon abzuhalten nach Europa zu kommen, werden sie das nicht schaffen. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sind auch bereit, im Meer zu ertrinken. Sie haben nur noch die Hoffnung, dass sie irgendwie gerettet werden.“ Als Dominique ihre Geschichte zu Ende erzählt hat, sind die beiden Mädchen bereits eingeschlafen. „Meine Töchter sind doch klug. Sie können lesen und rechnen. Ich möchte, dass sie zur Schule gehen. Ich möchte, dass sie an einem Ort aufwachsen, wo die Menschen frei sind.“ Hier ihre ganze Geschichte.

 

Anna kommt aus Kamerun und hat Management studiert. Sie musste aus ihrem Heimatland fliehen, weil im Zuge von Erbschaftsstreitigkeiten dort ihr Leben in Gefahr war. Die erste Station ihrer Flucht war Algerien. „Als Christin, musste ich meinen Glauben verstecken und mich die ganze Zeit bedecken“, erzählt die 26-jährige. Sie lebte bei einem Bekannten, der ein Spirituosengeschäft besaß, welches gleichzeitig auch als Bordell diente. Anna lief schließlich davon, um der Zwangsprostitution zu entkommen, und ging nach Libyen. Doch da wurde es noch schlimmer: „Wenn man schwarz ist, ist man nichts. Männer werden zu Zwangsarbeitern und Frauen werden vergewaltigt“. Ein Libyer kaufte ihre Freiheit und die weiterer Gefangener. Sie wurden jedoch ein weiteres Mal Zwangsarbeit und Vergewaltigung ausgesetzt. Mit Hilfe eines Freundes kann sie einen Schlepper bezahlen, der sie zur Küste bringt. Dort lernt sie ihren neuen besten Freund kennen: Oumar, einen Muslim aus Senegal. Schließlich werden die beiden auf dem Mittelmeer von der Aquarius gerettet, auch wenn sie dies noch kaum glauben kann: „Hier auf dem Schiff, mit all diesen freundlichen Menschen, frage ich mich ob ich träume, frage ich mich ob ich nicht bald aufwache und die Libyer wieder höre: ‚Komm, komm ich will jetzt mit dir schlafen.’ Ich kann es nicht glauben, dass ich endlich in Sicherheit bin.“ Hier ihre ganze Geschichte.

 

11. Dezember 2016. Auf einem kleinen Holzboot mit 36 anderen Personen, darunter sieben Frauen und acht unbegleitete Minderjährige, zählt die im neunten Monate schwangere Cynthia die Stunden. Als ihr Mann starb, hat sie in Nigeria alles hinter sich gelassen, um sich alleine in dieser Nussschale wiederzufinden. Gott sei Dank entdeckt das Team der Aquarius das Boot. Insgesamt vier Boote werden an diesem Tag gerettet. Gegen vier Uhr morgens beginnen Cynthias Wehen und am nächsten Tag um 13:00 Uhr bringt sie einen gesunden Jungen zur Welt. „Es war ein sehr langer Tag, wir waren alle sehr müde, aber diese Geburt hat alle sehr glücklich gemacht. Dieses Baby hat viel Freude an Bord gebracht“, erzählte Marina Kojima, die als Hebamme für Ärzte ohne Grenzen an Bord war. Zur Meldung.