Team der AQUARIUS: Bertrand „Wenn mein Sohn mich in 10 Jahren fragt, was ich getan habe, als diese Menschen starben, möchte ich ihm eine Antwort geben können“

Team der AQUARIUS: Bertrand „Wenn mein Sohn mich in 10 Jahren fragt, was ich getan habe, als diese Menschen starben, möchte ich ihm eine Antwort geben können“

Portrait Bertrand Thiébault, SAR Team


Wenn neue Mitglieder des SAR (Search and Rescue) – Teams zum ersten Mal die Kommandobrücke betreten, sind sie oft fasziniert von den zahlreichen Knöpfen und Bildschirmen, die von einem zum anderen Ende des Raumes entlangführen. Aber die „Erfahrenen“ an Bord vermitteln ihnen schnell, dass die wichtigsten Instrumente dieser Brücke die Fenster sind.
Es hat nicht lange gedauert, bis sich Bertrand Thiébault dessen bewusst wurde. „Die ersten zwei Boote meines ersten Turnus habe ich selbst von der Brücke aus gesehen.“, erinnert sich der 42-jährige Seemann. „Beim ersten Mal war ich nicht sicher. Ich sah etwas, dass sich am Horizont bewegte. Der Kapitän erklärte mir, dies sei die Art Bewegung, die ein Gummiboot macht, wenn es in den Wellen schwimmt. Während der zweiten Rettung, der Nachtrettung, sah ich eine weiße Linie am Horizont, die sich in unseren Lampen spiegelte. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen – aus Angst sie zu verlieren. Alle kamen herüber und halfen mir bei der Beobachtung. Einige Minuten später sahen wir ihre Köpfe und Arme, die zu uns hinüber winkten. Dieses Bild hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.“

Sobald die Rettungsaktion beginnt, ist Bertrand einer der ersten Kontaktpersonen für die Flüchtlinge. „Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Ghanaer. Er erzählte mir, dass er nicht sicher war, ob er noch lebte oder bereits tot sei.“, erinnert sich Bertrand Thiébault. „Man kann sich die Geräusche einer Rettung nur schwer vorstellen. Die Schreie, das Weinen…und dann siehst du, wie sich langsam ein Lächeln auf die besorgten Gesichter legt. Früher war das Thema Migration für mich ein abstraktes Thema, etwas Irreales. Dort, auf diesem Boot, ist es alles andere als abstrakt. Das sind Menschen die wir vor uns haben.“

Für Thiébault, der früher als Seemann auf historischen Segelschiffen arbeitete, war es eine einfache Entscheidung, einen Teil seines Lebens der Suche und Rettung von in Seenot geratenen Menschen zu widmen.
„Die derzeitige Flüchtlingssituation ist schockierend und treibt die Leute zum Handeln an.“, sagt er. „Wie kann es sein, dass im Jahr 2016 Menschen auf See sterben, weil sie überall sonst verjagt werden? Wir befinden uns in Europa in einem nationalistischen Diskurs, den ich unerträglich finde. Sich dagegen zu äußern, ist zwar gut, aber Worte ohne Taten helfen nicht. Wenn wir stattdessen Worte und Taten walten lassen, werden wir zusammen stärker, und die, die dagegen sind, werden leiser sein.“

Thiébaults erste “Tat” war das Gründen einer Organisation für Geflüchtete in seiner französischen Heimstadt Lauret, in der Nähe von Montpellier. Dann kam die Erfahrung mit SOS MEDITERRANEE. „Als Segler lag es einfach nahe. Wir haben alles, was man braucht um zu helfen und um am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein.“

„Ich habe einen 10 Jahre alten Sohn“, führt Thiébault fort. „Ich bin ehrlich zu ihm. Er weiß, dass die Menschen fliehen und auf See sterben. Wenn er mich in zehn Jahren fragen wird, was ich getan habe, als diese Menschen starben, möchte ich ihm eine Antwort geben können.“

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Protokoll: Ruby Pratka
Übersetzung: Juliane Kraus
Photo: Yann Merlin