Team der Aquarius: Portrait von Mathias Menge, Such- und Rettungskoordinator

Team der Aquarius: Portrait von Mathias Menge, Such- und Rettungskoordinator

Mathias Menge, 48 Jahre alt, ist seit fünf Rotationen Such- und Rettungskoordinator auf der Aquarius und wird seine Aufgabe für 3 weitere Rotationen ab Oktober 2016 weiter führen. Mathias erfüllte sich mit 35 endlich seinen Kindheitstraum und wurde Schiffsoffizier; zuvor hatte er als Tischler gearbeitet. Seit 2008 hat er regelmäßig auf Schwergutfrachtern gearbeitet, anfangs als zweiter Steuermann und Trainingsoffizier für die Kadetten, später dann als erster Offizier.

Er trat den SOS Méditerranée Rettungsoperationen auf der Aquarius bei, weil er sich, wie er sagt, „wünscht seinen seetüchtigen Beruf und die Liebe für die See mit einer humanitären Arbeit innerhalb der Migrations und Flüchtlingskrise in Europa zu vereinen. Es ist aktuell das bedeutendste Problem, mit dem wir zu kämpfen haben und für das Lösungen gefunden werden müssen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich beides miteinander verbinden sollte, bis ich auf einen Artikel über die SOS Méditerranée gestoßen bin, und wie die Organisation von Klaus Vogel gegründet wurde. So habe ich ihn getroffen und es war von Anfang an klar, dass wir auf der gleichen Wellenlänge sind. Als SOS Méditerranée genug Geld gesammelt hatte, um die Operationen zu beginnen, wurde ich rekrutiert und habe meine Entscheidung nie bereut!“

 

Er hat bereits an mehr als 10 Rettungsmissionen teilgenommen, als auch an einigen Transfer Operationen. Einige von ihnen waren tragisch, wie die Rettungen vom 17. April und dem 20. Juli 2016, bei denen mehrere Migranten tot aufgefunden wurden. Am 20. Juli half Mathias 22 Leichname aus einem Schlauchboot an Bord der Aquarius zu bringen. Für ihn jedoch, bleibt die schlimmste Erfahrung der 20. Juli, an dem zwei Männer ins Meer sprangen und von den Fluten übermannt wurden. „Das Wetter war rau und das Flüchtlingsboot war bereits dabei zu sinken, als wir es erreichten. Wir mussten so schnell, wie möglich reagieren, da viele in unsere Richtung sprangen und uns kaum Zeit blieb, die Hände aus dem Wasser zu greifen und die Menschen aus dem Wasser zu ziehen, um sie an Bord zu bringen. Du arbeitest an deinem absoluten physischen Limit und plötzlich sieht man einen Menschen vor seinen Augen ertrinken, und du kannst nichts tun. Diesen Tag werde ich nie vergessen“, erzählt er.

 

Aber es gibt auch erfreuliche Rettungen, wie die, an der die Aquarius am 29. Juli teilgenommen hatte, „als die Nigerianischen Frauen begannen an Bord zu singen, und man sieht, wie Menschen ihre Erleichterung mit Gesang ausdrücken, da sie sich noch eine Stunde zuvor in einer gefährlichen und verzweifelten Situation befanden und sich nun endlich in Sicherheit befinden. Das sind ebenfalls Momente, an die ich mich erinnern werde. Was dennoch traurig ist, ist die Tatsache, dass es oft nicht so einfach wird in Europa, wie die Menschen erwarten.“

 

Mathias erkennt, dass diese Erfahrung sein Leben nachhaltig bedeutend verändert hat. „Es hat mein Leben einfach auf den Kopf gestellt. Man setzt seine Prioritäten anders, und stellt fest, dass einem viele Dinge unheimlich oberflächlich erscheinen.“

 

Wenn Mathias nicht auf dem Schiff ist und sich von der anspruchsvollen Arbeit an Bord erholt, beteiligt er sich an Präsentationen und anderen Öffentlichkeitsarbeiten für SOS Méditerranée. Er wird von Oktober bis Dezember wieder zurück auf See gehen: „Es wird dann fast Winter sein und eine echte Herausforderung, da wir nicht wissen, was wir zu erwarten haben, wenn die See rauer wird. Es wird wahrscheinlich weniger Rettungen geben, dafür aber spürbar schwierigere.“

 

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Text: Nagham Awada

Übersetzung: Franziska Schneider

Photo: Patrick Bar/ SOS MEDITERRANEE