Wer sind die von der AQUARIUS geretteten Menschen?

Wer sind die von der AQUARIUS geretteten Menschen?

Bisher konnte die Crew der AQUARIUS über 2.000 Menschen retten und hat von anderen Schiffen noch einmal doppelt so viele 1.000 Gerettete aufgenommen. Insgesamt sind es 4.031 Menschen. Von den 2.087 unmittelbar durch die AQUARIUS geretteten Menschen, 1.638 Männer und 323 Frauen. Alle stammen aus Afrika: neben Eritrea und Nigeria gehören Gambia, Somalia, Guinea, Mali, der Sudan und Senegal zu den häufigsten Herkunftsländern. Die meisten von ihnen sind jung, viele sogar sehr jung: Ein Fünftel hatte zum Zeitpunkt der Rettung nicht einmal die Volljährigkeit erreicht. Es handelt sich also um sogenannte „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“. Viele Jugendliche sind auf dem Weg nach Europa ganz auf sich gestellt. Aber auch kleine Kinder mit einem Elternteil waren auf den Booten. Insgesamt wurden acht Kinder unter zehn Jahren von der AQUARIUS aufgenommen, einige von ihnen waren noch Säuglinge.

Geflüchteter auf an Bord der AQUARIUS

Geflüchteter an Bord der AQUARIUS

Die Überlebenden haben einen unglaublich beschwerlichen Weg hinter sich gebracht. Um Libyen verlassen zu können, mussten sie große Risiken eingehen, sind dabei in die Hände von Schleppern und bewaffneten Gruppen geraten und haben ein regelrechtes Martyrium durchlebt. Kälte, Durst, Angst, Seekrankheit und Erschöpfung auf der Überfahrt traumatisieren zusätzlich. Wer also glaubt, die Menschen wären erst ab dem Moment der Überfahrt in Lebensgefahr, muss umdenken. Die Mehrheit der durch SOS MEDITERRANEE Geretteten sind bereits in ihren Herkunftsländern – und insbesondere in Transitländern wie Libyen – struktureller Gewalt und Verfolgung ausgesetzt.

Die Schwächsten und Schutzbedürftigsten unter den Geretteten werden von den Mitarbeiter*innen von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen bei ihrer Ankunft auf der AQUARIUS, erst einmal ins sogenannte shelter gebracht, einen besonderen Schutzraum. Wenn sie unter Unterkühlung oder Dehydrierung leiden, Verätzungen oder Verbrennungen (vom Benzin des Außenborders) oder Schusswunden haben (ein Resultat der Brutalität in Libyen), werden sie unter ärztliche Aufsicht gestellt. Fast alle Frauen – die meisten kommen aus Nigeria – haben auf ihrem Weg sexualisierte Gewalt erfahren; viele wurden als Konsequenz schwanger.

Die Berichte der Überlebenden bezeugen es: Sie wussten, dass sie unter Umständen ihr Leben auf dem Mittelmeer aufs Spiel setzten würden, aber niemand hatte eine Vorstellung davon, wie die Überfahrt tatsächlich werden würde. Und die Crew der AQUARIUS konnte sich vorher nicht ausmalen, welche schrecklichen Erlebnisse sie bereits davor gemacht haben.

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Um diese Erlebnisse und Erfahrungen zu dokumentieren, veröffetlicht SOS MEDITERRANEE unter der Rubrik „IN EIGENEN WORTEN“ die Geschichten von geflüchteten Menschen. Eines der Ziele von SOS MEDITERRANEE ist es, denjenigen eine Stimme zu geben, die anders nicht gehört werden würden. Wir möchten über die Lebensgeschichten von geflüchteten Menschen berichten, ihre Erfahrungen und Erinnerungen dokumentieren, damit sie keine Nummer mehr in der dominanten medialen Berichterstattung über „Migrationsströme“ und „Scharen von Einwanderern“ sind. Wir sehen dies als Teil unserer Bemühungen, den Migrationsbewegungen, die wir in Europa in den letzten Monaten in all ihrer Vielfalt beobachten können, ein konkretes, ein menschliches Gesicht zu geben. Die Menschen, die wir gerettet haben, sind aus Kriegs- und Konfliktzonen geflohen, in der Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft für sich und ihre Familien – einen Wunsch, den wir nur zu gut nachvollziehen können.

Wir möchten außerdem betonen, dass alle diese Zeugnisse mit Zustimmung der jeweiligen Personen veröffentlicht werden. Einige persönlichen Angaben wie Namen und Orte werden zum Schutz der Personen von der Redaktion geändert. Den Wunsch, derjenigen, die weder interviewt, noch fotografiert werden möchten, respektieren wir.